Bei den Simpsons bekleidet der Mobber Nelson Muntz eine tragikomödische Stilfigur. Wann immer jemandem in Springfield ein Missgeschick passiert ist der Schulmobber nah genug am Geschehen um die Opfer ihrer Umstände auszulachen. Das hämische “Hah-Hah”, von der Scientologin Nancy Cartwright ins Mikrofon gesprochen, ist sein Markenzeichen. Dabei sind Nelsons Lacher Ausdruck tiefster Misere. Sein Vater ist seit 5 Jahren nur mal kurz Kippen holen. Seine Mutter arbeitet im Rotlichtmilieu und leidet an Substanzproblemen. Der Junge lebt in Armut. Als Lumpenprolet an einer Vorstadtschule kanalisiert er seine latenten Ressentiments in blinde, selbstzerstörerische Schadenfreude, die ihm eine letzte Zuflucht in die Erhabenheit bietet.
Gelsenkirchen. Schalke ist der Stolz einer gekränkten Stadt. Verlässt man die VELTINS-Arena, tritt man in eine deprimierende Welt aus Beton und Trostlosigkeit, errichtet von der Wohnbau e.g.. Man rühmt sich mit einem ausverkauften Stadion, trotz Abstieg in die zweite Liga. Aber seien wir mal ehrlich: Was will man sonst bitte in Gelsenkirchen machen? Selbst die Engländer waren während der EM vollkommen überfordert mit der konzentrierten Tristesse. Eine Menschenmenge, deren Vorzeigestädte mit Manchester und Liverpool, auch nicht viel mehr als Hannovers mit Häfen sind.
Umso schöner daher, dass es beim ewigen Pottrivalen, dem BVB grade so richtig scheiße läuft.
Unten oder oben – Hauptsache treten
Die Entlassung von Trainer Nuri Sahin war der Höhepunkt des derzeitigen Borussen Tiefflugs. Seit dem Abgang von Sankt Jürgen traf der Vorstand des BVB eine Fehlentscheidung nach der nächsten. Das Dortmunder Trainerkarussell der letzten Jahre zeichnete sich durch Bindungsängste und Stallgeruch-Fetischismus aus: Die Tuchel Entlassung, das Zweipeter-Jahr und der kurze Auftritt von Marco Rose.
Das erste Aufatmen nach 10 Jahren erdrückender bayerischer Dominanz kam mit der Verpflichtung eines ‚Dortmunder Jung’. Nach der Saison 2021/22 geht es dem BVB eigentlich recht gut. In der Bundesliga war man wieder auf Tabellenplatz zwei gelandet aber das frühe Pokal-Aus hinterließ bei den BVB Bossen ein Geschmäckle. Aki Watzke verkündete, dass die Bayern zwar stark seien, aber irgendwann kriseln werden “und dann sind wir da”. Eine eher zaghafte Kampfansage. Vielleicht waren die berühmten Dortmunder Mentalitätsprobleme bereits zu diesem Zeitpunkt bis in die Chefetage gelangt. Trotzdem soll es in der Saisonanalyse dann zwischen Matthias Sammer und Marco Rose richtig geknallt haben. Club und Trainer trennten sich “einvernehmlich”.
Rein kam dafür Edin Terzic, der nach einem erfolgreichen Interimsstint inklusive Pokalerfolg, die Saison über auf genau diesen Moment wartete. Schon zu diesem Zeitpunkt sprachen “Experten” von Watzkes “letzter Patrone”, aber der ehemalige Dortmund Ultra mit sanfter Erfolgsgeschichte und STALLGERUCH beruhigte die Fans vorerst. Als schalker Hatewatcher konnte man hier schon etwas riechen. Blut.
It’s the hope that kills them
Und plötzlich passierte es: The stars aligned, die Bayern wackelten. Nach dem Abgang von Star-Stürmer Robert Lewandowski und der desaströsen Verpflichtung von “Zugewinn für die Bundesliga” und Liverpool Star Sadio Mané, fiel der Stern des Südens vom Himmel. Die neu installierten Bayern-Bosse Brazzo und Olli informierten Julian Nagelsmann (angeblich) durch einen Twitter Post von Fabrizio Romano über seine Entlassung. Die Boulevardmedien des Landes konnten sich großer Klickzahlen erfreuen. Der FC Hollywood war zurück und der BVB, 10 Jahre nach dem Double, endlich wieder in der Position deutscher Meister zu werden. Für den verurteilten Straftäter und Strippenzieher des deutschen Serienmeister, Ulrich Hoeneß und seinen buckligen Gehilfen Rummenigge kam das sogar ganz gelegen. Pünktlich zum Tag der ersten versemmelten Meisterschaft planten sie, über ihre gescheiterten Nachfolger mit möglichst großer Öffentlichkeit den Daumen zu senken. Die Vorfreude war enorm. Endlich mal ein anderer deutscher Meister als Bayern München. Alles, was der BVB brauchte, war sein Sieg über Mainz. Selbst ein Unentschieden hätte gereicht, für den Fall, dass die gebeutelten Bayern gegen Köln nicht mehr ankämen. Die Meisterschaft galt sicher, der Borsigplatz war schon dekoriert. Aber als Schalker kennt man seinen Feind und so kam es, wie es kommen musste. Edin Terzic weinte vor der Kurve. Wäre Schalke am selben Tag nicht in Liga 2 abgestiegen, hätte ich ihn vermutlich schöner in Erinnerung.
Nicht wirklich hoch gekommen und trotzdem tieeef gefallen
Öffentlich gab man sich kämpferisch, aber bereits am ersten Spieltag konnte jeder sehen, dass Borussia Dortmund gebrochen war. In der Bundesliga spielte Terzic defensiven Terrorball mit gemischten Ergebnissen. Zur Winterpause wurden Ex-Spieler Bender und Sahin als “Co-Trainer” verpflichtet und durften dem ewigen Edin so in den Nacken atmen, wie er selbst seinerzeit Marco Rose. Aus Watzkes mutlosen Kampfansagen der vergangenen Jahre wurde ein verhaltenes “wenn wir das hochrechnen, stehen wir da, wo wir immer stehen”. Der Beginn einer Selbstverzwergung.
In der Champions League hingegen reichte es für ein kleines Wunder. Todesgruppe überstanden, überraschender Finaleinzug. Als dann aber der Gegner Real Madrid hieß, hätte auch dem letzten realitätsentkoppelten Brinkhoffsbauch klar sein müssen, dass man vor der zweiten monumentalen Niederlage in zwei Jahren steht.
Die geschwächten Bayern – für die Dortmund sich in der Poleposition sah, sie vom Thron zu stürzen – wurden indes von dem Verein, der sich in den 2000ern den Namen Vizekusen zu eigen gemacht hatte, endlich vom Podest gestoßen. Tja, wer ist nun der ewige Zweite?
Was in der Folgesaison passierte, jagte selbst diesem Autor die Schadenfreude aus. Der eingesprungene Nuri, dessen einzige Trainer Erfahrung ein mittelmäßiger Aufenthalt bei einem Verein aus dem türkischen Tabellenmittelfeld war, hatte offensichtlich weder die Erfahrung noch das notwendige Talent um den BVB wieder an die Spitze der Bundesliga zu bringen/ für den BVB. Jetzt steht Niko Kovac bereit, um den ehemaligen Anwärter auf die Meisterschale zu übernehmen. Ein Schicksal, das man nicht einmal seinem schlimmsten Feind wünscht.
Strategery
Die Schuld an der Misere ist aber nicht nur den unterqualifizierten Trainern zuzuschieben. Im Wesentlichen stehen die Kollegen, die sie einstellen und den Kader zusammenstellen, hier in der Verantwortung. Am Ende der Saison 2021/22 ging, gemeinsam mit Rose, der langjährige Sportdirektor Susi Zorc. Unter seiner Aufsicht spielten sich die Klopp Jahre ab. Er holte Erling Haaland und Jude Bellingham zum BVB, genauso wie Ousmane Dembélé, Marco Reus und weitere Weltstars. Idee: Junge Talente kaufen, entwickeln und teuer verkaufen. Problem: Dauerhafter Erfolg mit einem sich ständig wechselnden Kader ist schwer konstant aufrecht zu erhalten. Vor allem, da junge Spieler häufig nicht über die nötige Erfahrung und “Mentalität” verfügen, welche für ein Meisterschaftsrennen benötigt werden. Sein Nachfolger Sebastian Kehl versuchte dies zu ändern. Mit einem Mix aus Talenten und erfahrenen Spielern, versuchte er ein Mannschaftskonstrukt zu bauen, dass mal wieder ganz oben angreifen könnte. Hierbei bediente er sich bei den Transferstrategien der Bayern. Verstärkung wurde in erster Liniebei der Konkurrenz aus der Bundesliga geholt, mit gesonderten Blick auf deutsche Nationalspieler. Vielleicht klingelt hier noch der Begriff “FC Bayern Deutschland”. Was Kehl hierbei zu vergessen schien, war, dass den Bayern diese Strategie mächtig auf die Finger fiel. Stichwort: Klinsmann-Katastrophe. Sinnbildlich für Kehls Transferstrategie steht Nico Schlotterbeck. Irgendwie Talent, irgendwie Mentalität, irgendwie Nationalmannschaft, irgendwie unter den Erwartungen.
Too many cooks
Kehls Stellung im Verein wurde dabei jedoch schon geschwächt, bevor er überhaupt anfangen konnte. Die Interventionen von Terzic sind gut dokumentiert und dass Sammer und Watzke nicht mitreden, ist stark zu bezweifeln. Die Kapitainsbinde von Emre Can geht schließlich nicht auf sein Konto. Zu allem Überfluss wird der logische Nachfolger von Watzke, dann auch noch zu seinem Abtritt übergangen. Lars Ricken soll der neue Geschäftsführer des BVB werden und nicht nur das: Sven Diamantenauge Mislintat, der ehemalige Chefscout von Zorc, wird ihm auch noch ans Bein geheftet.
Mislintat zog zum Zeitpunkt seiner Einstellung eine karrieristische Schleifspur der Zerstörung hinter sich. Zwar ein hochbegabter Scout, mit einem Auge für Talent wie kein Zweiter, wird Mislintat bei jedem Projekt, das er anfasst, früher oder später hochkant und mit üblem Nachspiel rausgeworfen. Nachdem unter seiner Ägide als Sportdirektor Ajax Amsterdam zur Mitte der Saison auf einem Abstiegsplatz stand, schlossen sich die Türen für den Mitte 40 jährigen Mann mit Bierbauch und langen blonden Haaren. “Betrüger” sollteihn der Ajax Vorstand noch nennen.
Wie diese Arbeitskonstellation funktionierte muss eigentlich nicht mehr näher beleuchtet werden. Aber die mediale Schlammschlacht zwischen den beiden Streithähnen, über das gezielte Platzieren von Informationen, die interessanterweise häufig Mislintats “Chef” Sebastian Kehl sabotieren sollten, war ebenso unschön mit anzuschauen, wie der Fußball unter Nuri Sahin.
Mislintat ist jetzt gefeuert. Ein Ende, das bereits von Anfang an absehbar war. Was jetzt noch geschieht, wissen nur die Fußballgötter. Vielleicht kehrt Watzke, wie einst sein großes Vorbild, Ulrich H. aus der Versenkung und frisst seine Kinder. Vielleicht geht er wegen Steuerhinterziehung in den Knast. Vielleicht kann Niko Kovac die Borussenkrieger wieder aufpäppeln. Vielleicht bringt er das Revierderby in die größte zweite Liga der Welt.
Mir soll es egal sein. In meinem schrecklich-schönen Gelsenkirchen freuen wir uns über Cheftrainer Harry Potter und seinen “Tschaubeschtick”.


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