Bei Gott, ich hasse Real Madrid. Und das ist fantastisch. Der erfolgreichste Club der Welt ist bei weitem der unsympathischste und das auf eine cartoonesque Weise. Nichts aber auch wirklich nichts an diesem Club ist sympathisch und das macht ihn für mich zum perfekten Bösewicht im Weltfußball. Das Ungeheuer, das geschlagen werden muss, um einen wahrhaft bedeutsamen Triumph feiern zu dürfen. Es ist wie in einem Märchen. Zumindest war es das mal.
Beinahe bescheidene Anfänge
Gegründet wurde Real Madrid 1902, nachdem sich bereits eine Spielergruppe vom ersten madrilenischen Sportprojekt “Football Sky” abspaltete. Unter dem Namen Madrid Football Club spielte der Verein bereits von Anfang an ganz oben mit. So gewann Real den ersten nationalen spanischen Fußballwettbewerb, die 1903 gegründete Copa Del Rey zwischen 1905 und 1908 gleich viermal in Folge. 1920 bekam der Verein den königlichen Beinamen und auch die heute fest tradierte Feindschaft zu den aufmüpfigen Katalanen begann Form anzunehmen. 1932 und 1933 gewann man sogar zweimal in Folge die Meisterschaft. Von dem “Mythos Real Madrid”, wie wir ihn heute kennen, war der Verein allerdings noch weit entfernt.
Männer, Mythen und Moneten
Der Mythos Real Madrid geht maßgeblich auf drei Männer zurück.
Ersterer ist der Namensgeber für das ikonische madrilenische Stadion: Santiago Bernabeu. Nach dem Spanischen Bürgerkrieg wurde der ehemalige Spieler zum Präsidenten des Vereins. Unter seiner Führung kaufte der Verein den Argentinier Alfredo Di Stefano. Mit dem Aussehen eines jungen James Dean, und einem Jahrhunderttalent, dass sich in 216 Toren in 282 Spielen für Real widerspiegelt. Alfredo Di Stefano war vielleicht einer der ersten, von denen man dachte, dass niemand jemals sein Niveau erreichen könnte. Gemeinsam mit Ferenc Puskás, dem möglicherweise torgefährlichsten Spieler der Fußballgeschichte, gewann Real Madrid 5 Mal in Folge den Europapokal der Landesmeister und dominierte die spanische Liga. Ein junger Alex Ferguson sagte über diese Mannschaft “They were incredible. They were the first truly international club team and they were fantastic “. Real Madrid wurde ein fußballerischer Mythos. Sie schafften die ersten Weltstars des Fußballs und unterfütterten den Glamour mit unnachahmlichen Erfolgen.
Ungeklärt ist jedoch die Rolle von Francisco Franco in der Unterschrift von Di Stefano bei Real Madrid. Vor seiner Ankunft in Spanien war ein Deal ausgemacht, nach welchem er sowohl für die Katalanen, als auch für “die Meringen” spielen sollte. Laut Behauptung des FC Barcelona kündigten Sie ihre Seite auf Druck der Regierung auf. Franco soll Di Stefanos Vertrag bei Barca “zerrissen” haben. Immer und immer wieder verwendete Franco Real Madrid als politisches Aushängeschild spanischen Prestiges. In einem Europa, das sich langsam unter vereinender Demokratie auszusöhnen begann, empfand er solche Symbole als notwendig, um Macht und Ansehen in zunehmender Isolation zu wahren. Real Madrid sollte die Stärke Spaniens sportlich widerspiegeln und so spielten sie auch Fußball. Der körperbetonte “Schnöselfußball” wurde mit spanischer Eleganz verbunden. Die Katalanen im Norden bildeten die Kehrseite der Medaille. Das Kurzpassspiel, wurde dort von den deutschen und schweizer Migranten, welche Barcelona F.C. gründeten, in die DNA des Clubs gepflanzt. Heute als Schönfußball verschrien, entstammt es dem Arbeiterfußball. Im England des 19. Jahrhundert waren Diese der kräftigen Nobilität meist körperlich unterlegen. Um den Nachteil auszugleichen, setzte man auf clevere Kombinationen um möglichst zweikampfarm den Gegner zu überlisten. Dadurch gab es nicht nur eine regionale Polarisierung, sondern auch eine (Spiel-)philosophische.
So entwickelte sich eine Rivalität zwischen dem schnöseligen Hauptstadtverein, Aushängeschild eines Diktators mit Adles Gnaden im Namen und den katalanischen, freiheitssuchenden Revoluzzern im Norden, die sich in stetig wandelnder Form bis heute fortträgt.
Der Rest der Geschichte ist den Lesenden dieses Artikels wahrscheinlich schon bekannt:
Leider ist der Mythos lebend
Die Präsidentschaft von Florentino Pérez, dem zweiten Santiago Bernabéu, wenn man so will, einem Mann, der prima als James Bond Bösewicht durchgehen würde. Die Reorientierung des Clubs weg vom sportlichen zum Marketingerfolg, sowie die Verpflichtungen von einem gewissen Cristiano R. und einem José (ausgesprochen wie “Joe-See” nicht Hoe-See, wichtig zu erwähnen!) M als Reaktion auf die plötzliche Übermacht des Erzrivalen, der kürzlich all sein Tafelsilber verscherbelt hatte. Es war die Erneuerung des historischen Phantoms “Real Madrid”, die Geburtsstunde der Mannschaft, bei der wir die Augen verdrehen, wenn sie irgendwie schon wieder die Champions League gewinnen.
Die übermächtigen Abseitsgauner. Die unschlagbaren Unsympathen, die 70 Minuten lang scheiße spielen, um dann mit einem Pass auf den Linken Flügel das Spiel zu drehen und doch irgendwie noch hoch zu gewinnen? Bei jedem Anpfiff in der Champions League hofft man verzweifelt, dass irgendeine deutsche Mannschaft – zur Not auch Leverkusen, whatever – sie endlich mal wieder schlägt. 90 Minuten, 3 fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen und zwei Frustzigaretten später wird man aber eines Besseren belehrt.
Doch das ist das, was Real Madrid so großartig schlimm macht. Jedes Mal, wenn Sie spielen, spüre ich was. In dieser tiefen blau-roten Abneigung liegt immer noch Anerkennung. In den Duellen liegt allem zu Trotz ein tiefer Charme. Dieser Charme: Er liegt in der Konzentration so vieler, teils herbei gedichteter Konflikte. Konflikte ausgetragen in 90 Minuten Pille hin und herschieben von 22 überbezahlten hispanophonen Männern, die unter dem iberischen Nachthimmel alles geben, um uns diese Unterhaltung zu schenken.
Ohne Bösewichte, keine Helden
Dieser Status von Real Madrid macht auch die groß, die sie schlagen: Beispiel G: Lionel Messi. Seine Fähigkeit, den größten Club der Welt teils im Alleingang routiniert an die Leine zu nehmen, zementierte seine eigene (sprichwörtliche) Größe.
2012, Champions League Halbfinale. Sergio Busquets legt ihm den Ball knapp hinter der Mittellinie vor. Er schlängelt sich alleine durch die zwei Defensivreihen und beinahe apathisch gucken „die Galaktischen“ dem Ball hinterher, wie er ins Netz rollt.
Was wäre ein Lionel Messi ohne Real Madrid gewesen? Ohne einem arroganten Cristiano Ronaldo, der ihm trotz seines unerbittlichen Eifers nie ganz das Wasser reichen konnte? Klar, wir erinnern uns alle an das Tor gegen Getafe, aber wären solche Treffer nur gegen die kleineren Vereine reingegangen, wäre Messi weniger Magier und mehr Mobber.
In der Zeit des durchkommerzialisierten Multiclub-Ownership Fußball, indem Staaten in zynischen Propagandaspielchen den Fußball als Medium nutzen, um 14-jährige mit Dopamin-Kontrollschwierigkeiten als zukünftige Tourismus Kunden zu gewinnen (und deeeeeutlich schlimmeres zu kaschieren), wird dieser narrative Charme, der auf dem Verlangen beruht, sich vom Fußball romantische Geschichten erzählen zu lassen – David gegen Goliath, personifizierte Heldenepen und andauernde toxische Liebesbeziehungen (Gruß S04) – radikal getrübt. (Gruß an den Redakteur[Johann], der Satz soll so bleiben)
Die Fantasie wird von der Realität eingeholt. Der an die Wand gezeichnete Teufel von der Abrissbirne verpulvert, damit auf seinen Trümmern, Albert Speer Jr., ein Single-Use WM Stadion bauen darf.
Aber sollten wir deshalb anfangen wie Aki Watzke Lobeshymnen auf den “50+1 Club” Real Madrid zu singen und sie als die letzte hoch wehende Fahne des Traditionsfußballs erachten, die der schleichenden Sklerose den Hemmschuh anzieht? Nein. Es sind immernoch Monarchenschweine. Sollte ich eines Tages aufhören, es zu lieben, Real Madrid zu hassen, dann ist der Fußball wirklich tot.


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