Exodus im deutschen Fußball

Von Jonas Emrich

Olympique Lyon ist mit der Verpflichtung der deutschen Nationalspielerin Jule Brand ein regelrechter Coup gelungen. Doch die Flügelspielerin ist bei Weitem nicht die einzige deutsche Spitzenspielerin, die in den vergangenen Jahren die Bundesliga verlassen hat. Was sagt diese Entwicklung über den deutschen Fußball der Frauen aus?

Olympique Lyon hat nur wenige Wochen vor der Europameisterschaft im Mai verkündet, Flügelspielerin Jule Brand vom VfL Wolfsburg zu verpflichten. Sydney Lohmann folgte kurz darauf dem Beispiel ihrer Nationalmannschaftskollegin: Während der EM in der Schweiz bestätigte Manchester City, dass die Mittelfeldspielerin vom FC Bayern München zu den Skyblues wechseln wird und die amtierenden deutschen Meisterinnen verlässt. Warum wechseln so viele der deutschen Spitzenspielerinnen aus der heimischen Liga ins Ausland?

Ambitionen, größer als die Bundesliga

Deutschland dominierte historisch den europäischen Frauenfußball – acht Europameistertitel sprechen für sich. Diese Dominanz der Nationalelf fußte auf der Qualität der nationalen Liga. Doch diese Situation hat sich ins Gegenteil verkehrt. Der deutsche Fußball droht zunehmend, den Anschluss an die internationale Spitze zu verlieren.

Besonders deutlich wird diese Entwicklung, wenn Brand und Lohmann über die Gründe für ihre Wechsel sprechen. In ihrem Vorstellungsvideo erklärte die ehemalige Wolfsburgerin Jule Brand ihre Entscheidung für Lyon: „Ich weiß, dass die Spielerinnen, die hier spielen, die besten sind. Ich will mich mit ihnen weiterentwickeln.“ Durch die Betonung, dass die besten Fußballerinnen in Frankreich spielen, stufte sie implizit das Niveau ihrer früheren Mitspielerinnen und Gegnerinnen in der Bundesliga niedriger ein als das der Spielerinnen in der französischen Liga. Sydney Lohmann schlug bei ihrer Präsentation in Manchester in dieselbe Kerbe: „Alle, die hier in England spielen, loben die Qualität der Liga.“ Beide Spielerinnen scheinen den sportlichen Wettbewerb auf höchstem Niveau zu suchen – und betrachten diesen in der deutschen Bundesliga als nicht mehr gegeben.

Eine Frage des Geldes

Das zentrale Problem der deutschen Liga ist dabei die finanzielle Situation der Vereine. In der Saison 2023/2024 verzeichneten die Klubs im Schnitt ein Defizit von 1,9 Millionen Euro. Ein Hauptgrund hierfür: die geringen Medienerlöse. Aktuell erhält die deutsche Frauen-Bundesliga pro Jahr nur etwas mehr als 5 Millionen Euro. Zum Vergleich: Die englische Women’s Super League erwirtschaftet mit ihren Übertragungsrechten jährlich über 15 Millionen Euro, die amerikanische NWSL sogar über 55 Millionen Euro.

Auch die Zuschauer*innenzahlen in den Stadien sind ernüchternd. In der Saison 2024/2025 kamen im Schnitt knapp unter 2.700 Zuschauer zu den Spielen der Bundesliga. In England lag der Schnitt im gleichen Zeitraum bei über 6.600 Besuchern pro Spiel – also mehr als doppelt so hoch. Besonders auffällig ist dieser Unterschied, da die Männer-Bundesliga jedes Jahr mit der Premier League um die höchsten Zuschauerzahlen konkurriert.

Entkopplung vom DFB als mögliche Lösung?

Die beiden höchsten englischen Frauenligen hatten sich bereits im Sommer 2024 strukturell vom englischen Fußballverband (FA) getrennt. Wenig überraschend wird diese Idee auch in Deutschland seit Jahren diskutiert. Im Oktober 2021 forderte Bayern-Präsident Herbert Hainer eine Abspaltung der Frauen-Bundesliga vom DFB und begründete dies mit der „vernachlässigenden Behandlung des Frauenfußballs“ durch den Verband. Auch Ralf Kellermann, Direktor der Frauenabteilung des VfL Wolfsburg, teilt diese Auffassung und fordert seit Jahren die Eingliederung des Frauenfußballs in die DFL, also die Integration in den Zusammenschluss der beiden höchsten Männerligen.

Doch trotz dieser öffentlich geführten Debatten nahm die Entwicklung vorerst eine andere Richtung. Im Oktober 2024 verkündeten der DFB und die Frauen-Bundesliga-Klubs die Einrichtung einer gemeinsamen Taskforce zur Weiterentwicklung des Frauenfußballs. Inzwischen ist bekannt: Die Gründung einer „Frauen-Bundesliga-Gesellschaft“ steht bevor. Diese soll unter dem gemeinsamen Dach von DFB und einem geplanten neuen Ligaverband den Betrieb sowie die Vermarktung der Frauen-Bundesliga übernehmen. Unabhängig vom Erfolg dieser Reform ist eines klar: Die Bundesliga-Klubs müssen – ebenso wie ihre männlichen Pendants – lernen, damit umzugehen, dass ihnen mindestens die englische Liga auf absehbare Zeit wirtschaftlich enteilt ist.

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