Vercoacht

Über weite Strecken die beste Turniermannschaft, scheiterte Deutschland U21 im Finale gegen England auch an sich selbst – und an Trainer Antonio Di Salvo.

Sie waren so nah dran. Rocco Reitz dribbelt nach fast 93 Minuten Vollgas noch einmal von halbrechts in den Strafraum der Engländer, wo er von vier Gegenspielern angegangen wird. Charlie Cresswell ist es, der ihn mit einer Grätsche vom Ball trennt und das Spielgerät in Richtung von Ansgar Knauff rollen sieht, bis einer seiner Kollegen  ihn stoppt. Ping-Pong-artig springt der Ball dann zwischen verschiedenen englischen Akteuren hin und her, bis er vor Paul Nebels Füßen fällt. Vor dem heranstürmenden Brooke Norton-Cuffy erreicht der Mainzer an der Strafraumkante den Ball, mittig vorm Tor, keine Zeit, er schließt daher mit dem ersten Kontakt direkt ab – und trifft die Latte. Es bleibt beim 2:2 in der regulären Spielzeit. Deutschland verliert in der Verlängerung.

Die deutsche U21-Nationalelf war in den vergangenen Wochen zur dominanten Mannschaft dieses Turniers geworden. Drei Siege aus drei Spielen in der Gruppe, dabei den Finalgegner England sogar mit der B-Elf besiegt. Im Viertelfinale mit Mühe Italien geschlagen, im Halbfinale gegen Frankreich durch einen dominanten 3:0-Sieg ins Finale eingezogen. England dagegen tat sich schwer, kam mit nur vier Punkten aus der Gruppenphase weiter, sah gegen Spanien im Viertelfinale über weite Strecken des Spiels schlechter aus und fand erst im Halbfinale so richtig ins Turnier. Trotzdem gewannen die Briten dieses Finale verdient. Weil sie bereit waren für dieses Spiel – und die Deutschen nicht.

Die Sache der Einstellung

Englands Trainer Lee Carsley hat seine Mannschaft offensichtlich gut auf dieses Spiel eingestellt. Immer wieder erwischten seine Spieler die Deutschen auf dem falschen Fuß, überspielten das Pressing und schalteten blitzschnell um. Sie kamen so wieder und wieder zu gefährlichen Angriffssituationen, in denen sie auf die indesponierte deutsche Verteidigung zulaufen konnten. Häufig in drei-gegen-drei- oder vier-gegen-vier-Situationen. 

Dabei kam ihnen zugute, dass Trainer Antonio Di Salvo seinem Team augenscheinlich keinen Plan mit aufs Feld gegeben hatte, was zu tun wäre, wenn das hohe Anlaufen am gegnerischen Sechzehner nicht greift. Dabei will er seine Spieler genau darauf vorbereitet haben: „Wir wussten, dass England versucht, uns rauszuziehen, aber wir haben es zugelassen”, sagte der Coach nach dem Spiel und führte aus: „Wir waren zu gierig, wollten unbedingt in die Bälle kommen.” Beide Sechser waren hier voll involviert, sodass England jederzeit im Umschaltspiel die Hoheit im Mittelfeld besaß. Sinnvoller wäre es gewesen, wenn Eric Martel hier tiefer gestanden und als Konterabsicherung vor der Abwehr fungiert hätte.

Nicht nur taktisch schien das Team der Engländer in der Anfangsphase überlegen. Auch mental und physisch schienen die Young Lions stärker. „Wir waren sehr nervös”, sagte Di Salvo, und „das Turnier hat sehr viel Kraft gekostet”. Beides merkten Zuschauer den Spielern an, sie wirkten langsamer als ihre Gegner, zeigten am Ball einige Konzentrationsschwächen. „Wir haben schlampig gespielt”, monierte Di Salvo. Jedoch sollte der Trainer sich hier auch selbst in der Verantwortung sehen.

Die Art und Weise, wie eine Fußballmannschaft in ein Spiel geht, hat viel damit zu tun, wie sie von ihrem Trainer eingestellt wird. Wenn Di Salvo den Spielplan der Engländer so genau vorausgesehen hat, warum haben seine Spieler nicht auf ihn gehört? Spätestens nach dem 1:0 hätte er eingreifen können, doch bis zum zweiten Gegentor lief das Spiel noch genauso weiter. Und ist es nicht die Aufgabe des Trainers, seiner Mannschaft vor einem solchen Spiel die Nervosität zu nehmen? Eine Mannschaft, die bisher doch so stark war und eigentlich vor Selbstvertrauen hätte trotzen müssen?

Fehlende Wechsel

Auch die physische Unterlegenheit muss Di Salvo zum Teil auf seine Kappe nehmen. Immerhin trainierte er am Vortag bei extra heißen Temperaturen, um die Spieler auf das Finale vorzubereiten. Wäre hier eine regenerativere Maßnahme nicht klüger gewesen? Nnamdi Collins war schon nach der ersten Halbzeit platt, doch spielte 120 Minuten durch. Obwohl mit Elversbergs Elias Baum eine gute Alternative für die Rechtsverteidigung auf der Bank saß. Es ist kaum vorstellbar, dass Collins Fitnesszustand nicht schon vor dem Spiel absehbar war. Daher ist fraglich, ob er dringend hätte spielen müssen. Zumal er in der deutschen Startelf bisher wohl am ehesten negativ aufgefallen war. Zum Beispiel im Viertelfinale gegen Italien, als sein Fehlpass später zum Ausgleich der Italiener führte. Es ist verständlich, dass Di Salvo seine Viererkette nach dem Ausfall von Lars Rosenfelder nicht noch weiter umbauen wollte. Spätestens als Collins in der zweiten Hälfte jedoch einen technischen Fehler an den nächsten reihte, wäre seine Auswechsulng der richtige Schritt gewesen.

Grundsätzlich wechselte Di Salvo trotz seiner sichtlich müden Spieler erst spät – und falsch. In der 73. Minute kam Ansgar Knauff für Brajan Gruda ins Spiel. Die Idee, einen schnellen Spieler für entlastende Angriffe zu bringen, ist auch gar nicht mal verwerflich. Allerdings nahm er dem deutschen Team damit jegliche Befähigung, sich spielerisch über die rechte Seite aus Drucksituationen zu lösen. Grudas Fähigkeit, sich durch ein enges Dribbling Raum zu verschaffen und dadurch den technisch arg limitierten Collins im Spielaufbau zu entlasten, besitzt Knauff nicht. Da auch Eric Martel zeigte, dass er mit dem Ball nicht das Niveau hat, um auf diesem Level zu spielen, ging den Deutschen nach dem 2:2 jegliche Spielkontrolle verloren.

Hohe Bälle auf Nelson Weiper hätten für Entlastung sorgen können. Doch auch der Mainzer, der zuvor gefühlt jedes Kopfballduell gewonnen hatte und der beste Abschlussspieler im deutschen Team ist, musste in der 80. Minute vom Platz gehen. Für ihn kam nicht etwa Nicolo Tresoldi als zweiter Stürmer, der Weipers physische Präsenz etwas hätte auffangen können. Auch nicht Paul Wanner, der dem Team durch seine spielerischen Fähigkeiten aus der Patsche hätte helfen können, sondern Merlin Röhl kam für Weiper ins Spiel. Wäre der Freiburger als dritter Mittelfeldspieler gekommen, um mehr Präsenz im Zentrum und eine weitere Absicherung ins Spiel zu bringen, dann hätte der Wechsel durchaus Sinn ergeben. Doch er nahm die Rolle als zweiter Stürmer ein, in der er scheinbar selbst nicht so wirklich wusste, wohin mit sich. 

Darüber hinaus muss sich der Trainer fragen, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, Weiper auf dem Feld zu lassen und stattdessen Nick Woltemade vom Feld zu nehmen. Der von Bayern München umworbene Star der Mannschaft spielte zwar ordentlich, aber bei weitem nicht auf seinem besten Niveau. Im Vergleich zu Weiper bot der Stuttgarter keine Entlastung über gewonnene Kopfballduelle nach langen Bällen. Da er meist von mehreren Engländern gleichzeitig angegangen wurde, konnte er seine Qualitäten nur stellenweise zeigen. Einen dritten Wechsel für das erschöpfte Team hätte Di Salvo wohl gar nicht mehr vorgenommen, wenn Nathaniel Brown sich nicht verletzt hätte.

So fand Deutschland nach dem umjubelten Ausgleichstreffer durch den besten Spieler des Abends, Paul Nebel, kaum noch ins Spiel. „Glück hatten wir heute nicht”, sagte Di Salvo nach dem Spiel – zurecht. Immerhin trafen Nebel in der Nachspielzeit der regulären Spielzeit und Röhl in der letzten Minute der Verlängerung jeweils die Latte. Spielerisch jedoch geht die Niederlage vollkommen in Ordnung. Überlegen war Deutschland immer nur dann, wenn die Engländer in Führung lagen und sich zurückzogen. Das Turnier als Ganzes darf dennoch als Erfolg für die deutsche U21 gesehen werden. Doch die Frage darf gestellt werden, ob der beste Kader im Turnier dank Di Salvo so weit kam – oder ob die Mannschaft es trotz ihm so weit geschafft hat.

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