Fifa mit den Jungs, danach Konfi mit den Jungs. Das erste Mal ein Bier öffnen, auf obskuren Webseiten den 3ten Clásico der Saison sehen. Auf dem IPhone 3 Melissas Abschieds SMS, als Messi das 2:1 im CL Clásico macht sehen und 5 Minuten drauf scheißen können.
Das alles hat dieser Autor nie erlebt.
An sich fing alles so schön an. Im Kindergarten in Mühlheim war einen Monat vor der WM alles wie elektrisiert. Ich war keine 6 Jahre alt, aber empfand eine Euphorie um mich herum, die ich so nie wieder erleben würde. Im Kindergarten sprachen alle davon.
Meine Freunde Lukas und Mark, respektive Bayern und Schalke Fans stellten mich vor die Wahl. Schalke oder Bayern. Rot war die Lieblingsfarbe, Lukas der etwas coolere von beiden. Trotzdem wählte ich falsch. Königsblau gehörte seitdem mein Herz. Irgendwie.
Namen, die ich nie zuvor gehört hatte, waren für mich wie selbstverständlich zu Legenden geworden. Oli Kahn die größere Instanz als Gerhard Schröder. Im Garten meines Onkels rannte ich dem Ball hinterher und glaubte im Fußball die höchste Form des guten Lebens gefunden (der Satz ist grammatikalisch so wirklich korrekt).
Ein paar Monate später dann der Umzug. Im neuen Kindergarten war es schon nicht mehr so leicht. Die Jungs waren allesamt bei den Bambinos vom ESC Rellinghausen, die Wilden Kerle fanden sie scheiße. Als pummeliges Kleinkind wurde die Hackordnung auf dem Kinderspielplatz sehr früh sehr klar. Als meine Mutter mich zum Fußball schicken wollte und mein heute wundersamer Weise weiterhin guter Freund Lukas subtil zu verstehen gab, dass das wahrscheinlich nichts für mich ist (er hat sich mittlerweile entschuldigt), kickte ich den Teamgeist-Ball seltener im Garten umher. Die Euphorie des Sommermärchens war für den damals 5-Jährigen Autor verflacht. Die Joachim Massanek Bücher seltener angefasst.
Es sollte wahrscheinlich einfach nicht sein. Mein Vater interessierte sich nicht für Fußball, die Bindung zu meinem glühenden Schalke-Fan von Onkel nicht eng genug, um mit ihm mal nach Gelsenkirchen zu fahren. Sport war ohnehin nicht meins und so blieben auch die Erfolgserlebnisse auf dem Schulhof aus. Der Anschluss war ohnehin verloren, das Spiel an mir vorbeigerauscht. Andere Hobbys kamen und gingen, der Fußball blieb. Aber eher als unangenehmes Hintergrundgeräusch.
In einem Frauen-dominierten Haushalt blieben die Vorurteile auch nicht aus. “Fußball ist Asi”. Ein Urteil, das sich mit meinen Erfahrungen deckte. Die paar Jungs aus der Schule die es zur Schalker Akademie schafften, waren seltenst die nettesten. Mein bester Freund Lukas, der, der mich damals vom großen Sprung zu den Bambinis des ESC Rellinghausen abhielt, war zwar immer noch, wie so viele um mich herum, glühender Fan, aber mein Schädel war recht früh recht dick. So wurde aus enttäuschter Liebe langsam verbitterte Abneigung.
Die Städte und Schulen änderten sich, Freunde kamen und gingen, das erste Barthaar wuchs, die ersten Partys wurden geschmissen. Auch der Abgang von der Schule zur Uni änderte recht wenig. Ich war mit meinem Leben als einer dieser anstrengenden Menschen die dringend nochmal betonen müssen, wie scheiße Sie Fußball doch finden, recht zufrieden. Zumindest bis eine globale Pandemie mich und weitere 15 Millionen junge Menschen hierzulande für anderthalb Ewigkeiten gemeinsam mit ihren Eltern in die Wohnung sperrte.
Ich ging mit 18 in die Pandemie und kam mit 20 wieder heraus. Die 2 prägendsten Jahre im Leben eines jungen Mannes weg. Aber meine Uni Freunde hatte ich noch und die trafen sich jedes Wochenende, um Fußball zu schauen. Anfangs ging ich hin, um die verpasste Lebenszeit zu kompensieren. Der Fußball war mir weitestgehend egal. Mit der EM 2021 änderte sich das jedoch langsam. Public Viewing im Café am Neuen See, pöbelnde Fans, Tore von Kai Havertz und Leon Goretzka erinnerten mich an Kloses Saltos. Ich begann langsam den Fußball zu verfolgen.
Wenige Wochen später fuhr ich gemeinsam mit Johann zu ihm nach Hause ins Wendland. Wir verbrachten vor seinem Geburtstag eine entspannte Woche Urlaub im Haus seines Vaters, führten den Hund Gassi, stießen mit seinen Schulfreunden an und schauten die erste Runde vom DFB-Pokal. Es war das erste Mal, dass ich Fußball mit jemandem schaute, der nicht jede Fehlentscheidung und jeden verpassten Abschluss laut kommentierte, er achtete auf die Feinheiten des Spiels, redete von einer “Viererkette”, schwieg und betrachtete das tatsächliche Spielgeschehen. In 20 Jahren Fußballerfahrung, war es das erste Mal, dass ich nicht “Fußball” sah, sondern das Spiel. Ich war vollkommen begeistert.
Die nächsten zwei Jahre meines Lebens wich mein Studium dem Studium des Fußballs. Ich schaute jedes Spiel, das ich gucken konnte, sah mir nerdige Taktikvideos auf YouTube zum einschlafen an, las jeden Kicker Artikel der letzten 20 Jahre und guckte alte Aufzeichnungen vom Doppelpass. Uli Hoeneß gegen Christoph Daum. José Mourinho gegen den Rest der Welt. Ich erlebte Fußball nicht wie er geschieht, sondern wie er geschah. Narrativiert. Durch einen medialen Filter, der den Ablauf von rund 15.000 Spielen in drei Wettbewerben in einen artifiziellen (und im wahrsten Sinne des Wortes) epischen Strang webte.
Und dann war das schöne Spiel auch nicht mehr wegzudenken. VWL durch Fußball zu ersetzen, brachte den Notenschnitt nicht unbedingt nach oben. Die eigenen Probleme waren mit einem Veltins um 21:00 in der Schöneberger Wohnung eines Freundes auch deutlich kleiner. Erster Job? Geil. Jungs heut Abend Champions League? Erste Kündigung? Scheiße. Egal, Jungs heut Abend Campions League?
Nun gut ganz so einfach wurde das nicht weggesteckt. Einen kahl rasierten Kopf und ein Jahr voller Techno Parties und Tiefpunkte später, ging es dann aber wieder Berg auf. Der Autor machte seinen Abschluss, gewann eine Auszeichnung und zahlte mit dem Preisgeld seinen Dispokredit ab. Aber die Vermeidungsstrategie Fußball blieb Teil von mir, auch als es nichts mehr zu verdrängen gab.
Ist das Fußballromantik? Das Wiederaufflammen einer verloren geglaubten Romanze? Oder ist es ein akademischer Blick auf ein Untersuchungsobjekt? Wie echt ist die Liebe zum FC Schalke 04 und den Fans die man lange Zeit selbst als Ruhrpottassis abstempelte? Wie echt der regionale Bezug eines mittlerweile seit 10 Jahren in Berlin wohnenden Ex-Esseners, der sich zunehmend bildungsbürgerlich sozialisiert?
Alles legitime Fragen. Für diesen Blog scheint es aber fürs Erste zu reichen.


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