Die letzte Bundesliga-Konferenz

Seit ich denken kann, ist der Samstagnachmittag, 15:30 Uhr, eine besondere Uhrzeit. Bundesliga-Konferenz auf Sky, fünf Spiele gleichzeitig, man schaut mit Freunden, für jeden ist etwas dabei. Dass man von den Spielen jeweils nicht mehr mitbekommt als in den Highlightclips der Sportschau, ist egal. Konfi gucken macht Spaß – und jetzt ist es vorbei. Es folgen meine groben Erinnerungen der letzten 18 Jahre.

Samstag, 15:30 Uhr. Sechs erwachsene Männer Mitte Zwanzig quetschen sich auf die Couch, um zusammen Fußball zu schauen. Die rasche Erkenntnis: Es passen nur vier drauf, zwei müssen auf Stühle ausweichen. Die feinen Herren trinken Bayreuther und Augustiner Hell und essen Linsenchips. Zwei Schalker, jeweils ein Dortmund-, Bayern-, Werder- und Hertha-Fan. Vereinsloyalitäten sind am letzten Spieltag nicht mehr ganz so erhärtet. „Ich hoffe, Bremen verliert heute drei zu null, damit Hoffenheim noch absteigt”, sagt der Werderaner. Alle stimmen zu. Wir wünschen uns Dortmund in der Champions League. „Ich hab echt keinen Bock auf Freiburg gegen Chelsea”, sagt einer der Schalker.

Die Konferenz hatte uns zusammengebracht. Sechs Jungs, die sich 2019 im ersten Unisemester kennengelernt hatten, sich gegenseitig als Fußballfans identifizieren konnten und anfingen, regelmäßig zusammen Fußball zu schauen. Manchmal dienstags oder mittwochs zu den großen Champions-League-Spielen, aber immer samstags um 15:30 Uhr. Döner, Sterni und, nun ja, sechs Jungs um die 20, die von 13 Uhr bis 22:30 Uhr in einem Raum sitzen: „Boah, kann mal wer lüften?”

Wie alles anfing

Mich begleitet die Konferenz schon, naja, immer. Zu Besuch bei den Großeltern in Münster 2007 besuchten wir auch meine Patentante Ulla. Ihr Sohn hatte ein Fußballspiel. Ich hatte noch nie zuvor einen Ascheplatz gesehen, bei uns auf dem Dorf spielten wir auf normalem Rasen. An das Spiel kann ich mich nicht erinnern – ist auch egal. Danach wurde nämlich im Vereinsheim die Bundesliga-Konferenz gezeigt und mein Bruder muss unsere Mutter überredet haben, zu bleiben. Stuttgart wurde Deutscher Meister unter Trainer Armin Veh. Der FC Schalke hätte im Falle einer VFB-Niederlage noch vorbeiziehen können. Ich erinnere mich an das verbitterte Gesicht von Kevin Kuranyi nach dem Spiel. Bayern wurde nur Vierter(!). Schön wars trotzdem: Mehmet Scholl durfte in seinem letzten Bayern-Spiel nochmal ein Tor schießen und sich mit einem Sieg verabschieden.

In den Folgejahren nahm die Konferenz eine immer prominentere Rolle am Samstagnachmittag ein. Die Stimme von Sabine Töpperwien in der NDR2-Bundesligakonferenz im Radio wich nach und nach den Stimmen von Frank Buschmann und Wolf Fuß. Mit dem Fahrrad am Morgen etwa zweieinhalb Kilometer ins nächste Dorf mit einem Fußballplatz, wo ich meinen Freund Tom traf. Auf meinem Rücken ein roter FC-Bayern-Rucksack, darin meine Fußballschuhe, eine 0,5-L-Saskia-Sport-Limette-Grapefruit-Flasche und in dem integrierten Ballnetz mein neonorange leuchtender F50-Ball.

Die Arena

Ein paar Stunden rumgekickt, ich im Bayern-Trikot und er im Werder-Gewand, idealerweise fanden wir noch mindestens eine dritte Person, damit wir hoch-hinein spielen konnten, dann sammelten wir mit Glück ein paar Pfandflaschen ein und schwangen uns wieder auf unsere Räder.

Etwa zehn Minuten später erreichten wir die Arena. Eine Tankstelle bzw. Raststätte, deren Betreiber irgendwann beschlossen hatte, Fußball zu zeigen. Clever wie wir waren, kauften wir uns von dem Pfandgeld eine Flasche Sprite im Tankstellenbereich und nahmen sie mit uns rüber in den Gastrobereich, wo die Fußballübertragungen liefen – mit Erlaubnis!

Die Arena war Austragungsort epischer Schlachten: die stetige Frage, ob nun Ribéry oder Diego der beste Spieler der Liga sei, Luca Toni, die ersten Spiele von Thomas Müller, Mario Gomez beim VfB Stuttgart und dann doch bei den Bayern, die 1:5-Klatsche gegen Wolfsburg mit Džeko und Grafite, Robbéry und Magaths Schalke, der Aufstieg Mesut Özils, dann der langsame Fall von Werder und die erste Klopp-Meisterschaft mit dem BVB.

Immer Fußball

Während meine Klassenkameraden in der Grundschule plötzlich lieber Verstecken als Fußball spielten, waren meine neuen Freunde immerhin fast so fußballverrückt wie ich. Einer von ihnen, Alex, hatte Sky zuhause. Er wurde mein bester Freund. Die Kombination aus Fußballspielen und Fußballgucken, ergänzt durch Fußballsimulation spielen, zog sich bis zum Abi. Nach dem Schüleraustausch musste ich einen Jahrgang runter – glücklicherweise schauten die Jungs dort Fußball. Fortan verbrachten wir das ganze Wochenende im Bauwagen: 13 Uhr zweite Liga, dann Bundesliga-Konferenz, Toppspiel, Toppspiel zweite Liga, Sonntagmittag wieder Konferenz der zweiten Liga und ein leichter Kater. So langsam sollte sich ein Bild ergeben haben.

Und nun ist es vorbei. Es wurden weniger Spieltage, weniger Samstage mit dem Fußball, anderweitige Verpflichtungen und Interessen, ein vielleicht gesunkener Stellenwert des Fußballs, doch zum Abschluss kamen wir noch einmal zusammen. Es war das letzte Mal.  Ein DAZN-Abo für gefühlte zwanzigtausend Euro und ein minderwertiges Produkt wird es nicht werden. Zumal Sky durch die Splitscreen-Option der Konkurrenz wohl ohnehin ein Schnippchen schlagen konnte. Nehmen wir mit Wohlgesonnenheit zur Kenntnis. Auch wenn nicht alles perfekt war bei Sky (sorry Jörg Dahlmann), bleibt das Fazit: Schön war’s.

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