2024. Nach Abstiegsängsten hält der FC Schalke 04 die Klasse. In der zweiten Liga. Die Veltins Arena ist jedes Wochenende stetig voll. Spricht man aber mit Fans vor Ort wird klar, dass die Stimmung immer weniger Ausdruck brandheißer Liebe und zunehmend einer stoischen Loyalität entspringt. Die Stimmung um Trainer Karel Geraerts wird zunehmend schlechter. Der belgische Meistertrainer findet in Gelsenkirchen seinen Meister. Im Saisonauftakt misslingt es ihm, die Perle des Ruhrpotts aus dem Tabellenkeller zu erlösen. Geraerts Zeit auf Schalke wird seiner trainerischen Kompetenz nicht gerecht. Schließlich wurde Sie dauerhaft eingegrenzt. Jeden zweiten Tag kommt eine neue Eilmeldung, das Bild der Schalker Geschäftsstelle, dass die zunehmend lächerlichen Headlines ständig begleitet, wird zum Meme. Das Kabinett an Vorständen, Chefs und Managern rotiert dieser Tage schneller als das berüchtigte Trainerkarussel.
Sein Nachfolger, der bescheidene Kees Van Wonderen begann seine Amtszeit mit dem eher zaghaften Schlachtruf, dass er schließlich “nicht zaubern” könne. Als der Verein zum Ende dieser weiteren erfolgsarmen Saison so ungeschickt den Trainermarkt sondierte, dass alle Details in der BILD zu lesen waren, zog Van Wonderen in einer Pressekonferenz den indirekten Schlussstrich. Viele Namen werden nun gehandelt, die den FC Schalke aus seiner Misere holen sollen. Die Namen auf der Liste sind so schillernd wie miserfolgversprechend. Tedesco und Schmidt sagten bereits ab, die Träume von Raúl klingen mittlerweile lächerlich. Was auf der Liste bleibt sind… Markus Weinzierl und Markus Anfang? Oh Gott. So wirklich scheint keiner Lust zu haben, dem ehemaligen Erstligariesen wieder zu altem Glanz zu verhelfen. Oder? Oder haben wir da etwa jemand übersehen? Ganz weit im Abseits, im peripheren Sichtfeld da steht einer. Einer, der nicht müde wird für sich zu werben. Ein Trainer alter Schule. Einer mit Stallgeruch, ein harter Hund. Ein Erfolgstrainer, mehrfacher Meister, Rekordfeuerwehrmann. Warum nicht er? Warum nicht–
Felix Magath Fußballgott
Nach außen präsentiert sich Felix Magath gerne als einfacher Mann. Unkompliziert, klare Linien. Dis. Zi. Plin. Der Beiname “Quälix”- für ihn ein Adelstitel.
Sein ruhiges Auftreten verdeckt einen inneren Sturm, das menschliche Auge eines invertierten Orkans.
Ihm wurde nachgesagt Spieler in seinem Büro zu empfangen, sie anzuschweigen und Tee zu Trinken. Der Appell: Situationsabhängig, aber allem Anschein nach ergiebig. Ein bedrohliches, beinahe beängstigendes Szenario. Ganz ohne verbaler Gewalt. In der Ruhe liegt die Kraft, pflegte Angela Merkel zu sagen. Ein Motto, das ebenso ähnlich vom Hanseaten stammen könnte.
Magath verwendete im Training selten Medizinbälle und trotzdem wird er stets mit ihnen in Verbindung gebracht. Vielleicht liegt das auch daran, dass Magath und der Medizinball viel gemeinsam haben. Beide sind Sinnbilder leistungssteigernder Qualen, leicht in die Jahre gekommen und teilen sich ein seltsam verförmtes Haupt, mit noch seltsameren bräunlichen Farbton. Ist die Medizinball-Einheit absolviert, hinterlässt das geschaffte Übungsabsolventen. Auch dieser Aspekt zieht sich durch Magaths Karriere. Sowohl für Verein, als auch für die Spieler.
Seine Aufenthalte bei Fußballvereinen liefen meist ähnlich ab. In Bayern holte Magath als erster Trainer zweimal in Folge das Double. Ein für den Club damals historischer (mit kleinem h) Erfolg. Als dann im dritten Jahr die unausweichlichen Ermüdungserscheinungen einsetzten, die Armin Veh die Wundermeisterschaft bescheren und dem FC Schalke die nächste, bittere Vizemeisterschaft. „Er muss sich schon mal die Frage stellen, wenn er irgendwo Erfolg hat, warum anschließend eine Party unter den Spielern gefeiert wird, wenn er weg ist.“ So Uli Hoeneß nach Magaths Rauswurf und subsequentem Absprung zum VW Wolfsburg.
Im Herzen des Dieselskandals verbrachte Magath die längste Zeit seiner Trainerkarriere. Angesichts seines einmaligen Erfolges, könnte man auch unterstellen, dass er die Wölfe am meisten prägte.
Doch das ist vollkommen falsch. Die prägenste Magath Ära, sein Magnum Opus (oder Opum Magnus wie Arschlöcher es sagen), waren die drei wundervollen Jahre, die der Hamburger dem Ruhrpott schenkte.
44 NEUE SPIELER
2009 war Schalke so erfolgreich wie prekär. Drei Mal wurden die Knappen, seit dem großen Vereinstriumph des UEFA Cups 1997, Vizemeister. Die Erfolgskurve zeigte klar nach oben. Trotzdem brodelte es in den Spreadsheets des Malocher Clubs. Der Bau der neuen VELTINS-Arena, die 2001 pünktlich zur Meisterschaft der Herzen fertig wurde, belastete den Club finanziell enorm. Hinzu kam, dass Schalke, anders als andere Bundesligisten, an der Struktur eines eingetragenen Vereins festhielt.
Vielleicht wäre es vernünftig gewesen kleinere Brötchen zu backen. Aufsichtsratschef Clemens Tönnies, der Schweineschlächter von Rheda-Wiedenbrück, dachte das nicht. Man wollte unbedingten Erfolg. Sofort. Zu oft glitt man knapp daran vorbei. Die erste Schale für den Verein schien überfällig, der Stachel von 2001 ungelockert im Fleisch.
Unbedingter Erfolg hörte 2009 auf den Namen Felix Magath. Wenn er den Titel schon mit Wolfsburg holen konnte, warum dann nicht mit einem schlafenden Bundesligariesen? Magath, der harte Hund, der forderndste Förderer, bei dem Club, dem harte Arbeit in die Vereins-DNA gemeißelt war. Das musste doch klappen!
Aber eine Magath Verpflichtung kam nicht ohne Preis. Abgesehen von seinem fürstlichen Gehalt, das mit monatlichen 500.000 € Brutto, sämtliche Spitzenverdiener der Lizenzspieler Abteilung in den Schatten stellte, konnte Magath seine Kaiserposition vom VfL beibehalten. Er wurde nicht nur Trainer, sondern Vorstand zugleich. Eine Machtfülle, die im deutschen Fußball mehr als unüblich war. Vor allem auf Schalke, wo sonst jeder glaubt irgendwo immer mitsprechen zu müssen, ein Faszinosum. Einzig Clemens Tönnies noch ungewöhnlicheren Kompetenzen im Posten des Aufsichtsratschefs stellten ein plausibles Gegengewicht dar. Die Zügel des operativen Geschäfts lagen jedoch vorerst fest in den Händen des heutigen Wahlmüncheners.
Was die neue Trainer-Transferboss-Union auf Gelsenkirchen vorfand, war aber alles andere als ein Erfolgsprojekt. Maroder Kader, marode Finanzen, marode Vereinsstrukturen. Nur gut, dass man grade ihm all die Möglichkeiten gab das umzuwälzen, oder zynisch gesagt, strategisch auf ihn abwälzte.
Magath zögerte nicht. Gleich in der ersten Transferphase kamen acht neue Spieler. Darunter Bayern Talent Alexander Baumjohann und Lewis Holtby, der gleich weiterverliehen wurde. Nach der Wintertransferphase wuchs die Zahl der Neuverpflichtungen auf ganze 16 an. Darunter Namen wie Bodgan Müller und der 34-jährige Sechser Mineiro. Dennoch schaffte es Magaths erste Elf auf den zweiten Platz der Bundesliga. Der Fußball sah so aus, wie man ihn von einem Felix Magath erwarten würde. Ein eiserner Defensivblock aus 4er-Kette und zweichfachzerstörer Doppelsechs, meist bekleidet durch Peer Kluge und Eigengewächs Joel Matip, bildeten das Fundament auf dem die vier offensiven – mal Doppelsturm, mal mit Zehner – den Gegner mit schnellen, pragmatischen Angriffen torpedierten. Flinke Konter-Läufe oder Flanke-Kopfball-Tor. Wer nicht mit nach hinten kam, durfte im nächsten Training einen Marathon mehr laufen. Nicht die taktische Revolution, die man in Lüdenscheid Nord, an der Isar oder in La Masia beobachten konnte. Der feuchte Traum moderner Brexit-Tackle- und Neil-Warnock-Fans.
Essenziell waren dafür jedoch vor allem die Transfers seines Amtsvorgängers, Andreas Müller, der 2006 die undankbare Aufgabe bekam, Rudi Assauer zu beerben. Trotz einiger Transferflops waren es Spieler wie Jefferson Farfan, Ivan Rakitić und Jermaine Jones, die Schalke den erneuten Nicht-Titel bescherten.
Im Sommer war es dann Zeit für Magath, aus seiner Handschrift ein Tattoo zu machen. Aus 16 Neuverpflichtungen waren zum Ende seiner Schalker Amtszeit, je nach Messung, insgesamt 44 neue Schalke Spieler in zwei Jahren geworden. Schalker Fans begannen die Transferpolitik zu monieren. Identifikationsfiguren wie Gerald Asamoah und Kevin Kuranyi verließen den Verein. Für einen kleinen Schalker, der nie wieder in seinem Leben so starstruck sein würde, wie in dem Moment, als sein Papa ihm verpixelte Handyaufnahmen zeigte, auf denen Gerald Asamoah ihn auf der Arbeit besuchte, war die Pille besonders schwer zu schlucken.
In Schönheit sterben
Was für die nervigen Groundhopping Nerds im Internet, eine der geilsten Transfers ever ist, war im Ruhrpott für viele ein Moment der Entfremdung.
Raúl González, von Schalkern anfangs skeptisch Raul (reimt sich auf Maul) genannt, flog nach Gelsenkirchen.
Hä?
Warum?
Im Nachhinein war der Raúl-Transfer natürlich eine Sternstunde der Fußballromantik. Das lag aber vor allen Dingen an den damit einhergehenden Transfers von Jan-Klaas Huntelaar, Jurado und einem präpubertären Julian Draxler, der zu dieser Zeit bereits seinen unerwarteten Karrierehöhepunkt erreichen würde. Schalke konnte damit unter Magath eine vielversprechende Offensive aufweisen, die anders als in der Vorsaison in einem harmonischen Konstrukt auflaufen und unheimlich schönen Fußball spielen konnte. In einem solchen Konstrukt war Raúl die Krönung.
Im Monat vor der Verpflichtung Huntelaars, sorgte der madrilenische Neuzugang jedoch für Unmut – und das nicht zu Unrecht. Magaths bisherige Transfers waren vorrangig unterdurchschnitt, man verlor Leistungsträger und Identitätsfiguren und bekam dafür einen über 30-Jährigen, alternden Top-Star ohne jeglichen Bezug zur Mannschaft, der einfach nochmal Champions League spielen wollte und dem der Club egaler nicht sein könnte. So zumindest das gängige Vorurteil.
Und dann spielte er.
Nach anfänglichem Raunen meines kleinen Cousins, der sich partout nicht darüber freuen wollte, dass der feine Herr Raul (wieder ausgesprochen wie Maul) mal wieder netzte, verliebten sich Tag für Tag mehr Fans in den eleganten Spanier. Niemals zuvor oder danach wurde so ein seidenweicher, eleganter und technisch brillanter Offensivfußball auf den Rasen der VELTINS Arena gebracht. In den Augen tausender alkoholisierter Ruhrpottassis verfing eine angelische Schönheit, die ihnen den Ruß aus der Fresse wischte und jeden noch so vorlauten Manta Fahrer verstummen ließ. Es war wundervoll – und reichte für Tabellenplatz 14.
Im Vorstand war Magath selbstverständlich unten durch, bei den Fans sowieso. Wer ihm spielerisch dann aber den Gnadenstoß verpasste, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Christian Groß, damals noch Trainer des VfB Stuttgart, beendete Felix Magaths Karriere auf Schalke mit einem krachenden 1:5.
Die Synergie der Magath-Groß-Kultigkeit schuf die Rutsche, an deren Ende ebendieser Christian Groß dann 2021 Can Bozdogan zu Kaan Erdogan umtaufen, im Training zur Belohnung Schokobons verteilen und den Abstieg des glorreichen FC Schalke 04 in Stein meißeln würde.
Das Excel Sheet der Ungewissheit
Soweit die Aussage der Ankläger. Die Verteidigung, selbstverständlich übernommen vom Angeklagten selbst, ist wie folgt: Als er ging, hatte er ihm zufolge nachhaltig Transferüberschüsse erzielt, den Abgang von Manuel Neuer zum FC Bayern hätte er verhindert und die Leistungsträger Draxler und Huntelaar, hinterließ er dem Verein ja.
Und doch klaffte 2011 eine Lücke im Eigenkapital des Vereins von 120 Millionen € auf. Die Transfers von Raúl und Huntelaar sollen dafür wohl mitverantwortlich gewesen sein.
Der Widerspruch ist nicht verwunderlich. Magath zeigte sich in der Vergangenheit häufig als unzuverlässiger Erzähler. In einer beständigen Suche nach Öffentlichkeit fand der Rekordretter a.D. hier viele voneinander abweichende Narrative für sein Aus auf Schalke. Anfangs waren für ihn die gescheiterten Transfers von Angelos Charisteas und Ali Karimi, sinnvolle und kurzfristige “sportliche Versicherungen”. 2023 kam er dann jedoch zur reuigen Einsicht, zu der Zeit seine Demut verloren zu haben, zu glauben er könne aus jedem noch so mittelmäßigen Spieler einen Meister machen. Ein ungewohnt selbstkritischer Felix Magath, den man in dieser Form später auch nicht mehr antreffen sollte, als er 2024 wieder frenetisch verneinte auf Schalke Misswirtschaft betrieben zu haben.
Die Ergebnisse der Chaos-Saison 2011 zeigten jedoch, dass dem bilanziellen Defizit ein sportlicher Gegenwert zu Buche stehen musste. Ralf Rangnick rettete die Saison auf seine Art und unter ihm und Jens Keller wurde auch nach Quälix europäischer Spitzenfußball auf Gelsenkirchener Rasen gebracht. Das Champions League Halbfinale und den Pokalsieg erreichte Rangnick mit Magaths Transfers, wobei hier anzumerken ist, dass der essenziellste Spieler im Verbund, Manuel Neuer, noch in Rangnicks erster Amtszeit “entdeckt” wurde.
Bis 2014 sank das Defizit wieder auf etwa 40 Millionen Euro, die Verschuldung des eingetragenen Vereins wurde aber unter der Aufsicht von Nachfolger Horst Heldt und später Christian Heidel vergrößert. Waren das notwendige Konsequenzen, einer von Magath eingeschlagenen Pfadabhängigkeit? Nicht zwingend. Weder schuf Magath den Schalker Schuldenberg, noch ließ er ihn explodieren, noch trug er ihn ab – das war aber auch nie seine Aufgabe.
Trotzdem ebnete sich in diesen, mit angemessenen sportlichen Leistungen gespickten zehn Jahren Anno Magathi, der Weg nach unten. Pressing-Ralf als direkter Nachfolger von Magath war für sich bereits eine interessante Entscheidung. Man entlässt einen Trainer, der im Verein zu viel Machtfülle für sich beansprucht (Die man zuvor bereitwillig an ihn abtrat). Um das zu verhindern, holte man einen Trainer, mit dem man sich bereits zuvor aus dem exakt selben Grund über Kreuz legte. Das Ende von Magaths Nachfolger wurde dann aber durch ein Burnout ausgelöst.
Vielleicht saßen die Konstanten in der schlechten Entscheidungsfindung ja auf höherer Ebene. Risikoreiche Transferstrategie und Erfolgshunger waren auch immer die Devise eines gewissen Metzger-Milliardärs. Interessant also, dass sich ebendieser scheinbar Magath-spezifische Management Ansatz auch lange nach seinem Abgang fortsetze. Nur mit zunehmenden volatierenden Amplituden des (Mis)Erfolges.
Ein flüchtiger Moment für die Ewigkeit
Wenige Trainer in der Geschichte von Schalke konnten so viel verkörpern. Sportlicher Erfolg und Euphorie, wie man sie selten erlebt, jedoch ohne nennenswerten Durchbruch.
Das Gefühl, dem Glück immer einen Schritt entfernt zu sein, in einem leichtfüßigen Tanz über dem Abgrund. Romantischer Größenwahn; Glanz und Glamour im kernigen Arbeiter-Format. Ein gelebter Aufstiegstraum, den man verboten dachte – nein, wusste. Die Keimzelle eines Abstiegs, der sich im Nachhinein fälschlich unvermeidlich, aber doch so richtig wie falsch anfühlte. Selten war ein Trainer auf Schalke so Schalke.


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