Wie kann man jemand so krass vermissen

Der FC Bayern verliert in der Champions League gegen Inter Mailand – auch weil ein Ex-Bayer trifft, der den Münchnern noch immer gut zu Gesicht stehen würde.

Flanke. Kopfball. Tor. Durch diesen einfach anmutenden Spielzug dreht Inter Mailand am vergangenen Mittwoch innerhalb von 9 Minuten das Spiel gegen den FC Bayern München. Hakan Çalhanoğlu schlägt den Ball von der rechten Eckfahne in den Strafraum. Benjamin Pavard löst sich erst von Gegenspieler Konrad Laimer und kommt dann vor Min-Jae Kim an den Ball. Per Kopf erzielt der Ex-Bayer den 2:1-Treffer zur Führung für Inter im Rückspiel des Viertelfinals der laufenden Champions-League-Saison. Bayern kommt zwar durch Eric Dier nochmal zum Ausgleich, kann den Ein-Tore-Rückstand aus dem Hinspiel aber nicht mehr aufholen.

Inter Mailand wird nun im Mai gegen den FC Barcelona um den zweiten Finaleinzug in drei Jahren spielen. Schon 2023 standen die Nerazzurri im Finale, wo sie gegen Manchester City verloren. Auch in jener Saison traf die Mannschaft von Simone Inzaghi auf dem Weg dorthin auf die Bayern. Damals gewannen die Münchner in der Gruppenphase zwei Mal souverän. Torschütze Pavard spielte da noch für Bayern – wo man ihn auch heute noch gut gebrauchen könnte.

Kaderplanung Fehlanzeige

Pavard hatte den FCB verlassen, „um in der Innenverteidigung zu spielen”, wie er zum französischen Sender Telefoot sagte. In München wurde er meist auf die rechte Seite geschoben. Zu gut, zu konstant waren seine Leistungen auf der Rechtsverteidiger-Position. Zumal es in der Innenverteidigung genügend Optionen gab. Ein Jahr vor dem Ende seiner Vertragslaufzeit bestanden nur noch die Möglichkeiten: jetzt verkaufen oder im nächsten Jahr ablösefrei ziehen lassen. Eine Verlängerung seines Vertrags war keine Option gewesen, zu groß der Wunsch nach Veränderung seitens Pavard.

Sein Abgang riss ein Loch in die Hintermannschaft des Rekordmeisters. Durch den Wechsel spät im Transferfenster gelang es dem Klub nicht mehr, rechtzeitig einen Ersatz zu verpflichten. Weil auch Stanisic den Verein per Leihe nach Leverkusen verlassen hatte, geriet Trainer Thomas Tuchel plötzlich in Personalnot – sowohl rechts hinten als auch in der Innenverteidigung. „Das ist schon eine sehr große Lücke, die hier klafft“, sagte Trainer Thomas Tuchel auf einer Pressekonferenz im Anschluss an die beiden Transfers.

Schlechte Zeiten, Gute Zeiten

Erst im Winter kam Ersatz. Allerdings konnten weder Sascha Boey noch Eric Dier, der ja immerhin die Erwartungen vieler Fans noch übertraf, die entstandene Lücke vollends schließen. Bayern wurde erstmals seit 2012 nicht deutscher Meister, schied im Pokal gegen den 1. FC Saarbrücken aus und verlor in der Champions League unglücklich gegen Real Madrid.

Besser lief es für Pavard. Der wurde auf Anhieb Stammspieler in der Dreier-Innenverteidigung, gewann die italienische Meisterschaft und den Superpokal Italiens. „Ich habe ein wunderbares Land gefunden, in dem die Fans unglaublich sind und wo es Spaß macht, zu spielen“, sagte er Telefoot. Derzeit steht Inter erneut auf dem ersten Tabellenplatz der Serie A und, wie gesagt, im Halbfinale der diesjährigen Champions League. 

Die Position des rechten Innenverteidigers in der Dreierkette ist wie gemacht für den Weltmeister von 2018. Der glänzt insbesondere durch seine Stärke im Passspiel und die Fähigkeit, sich im Aufbauspiel stets als Empfänger für raumgewinnende Bälle seiner Mitspieler anzubieten. Pavard spielt auffällig unauffällig, macht kaum Fehler und hat auch sonst keinerlei nennenswerte Schwächen. Er ist weder der Größte noch der Schnellste noch hat er die allerbesten Zweikampfwerte, ist aber in all diesen Kategorien absolut passabel. Er ist ein Allrounder, wie er im Buche steht. Und er ist konstant. 

Ich vermisse dich – Pietro Lombardi

Gerade dieses letzte Attribut fehlt den Verteidigern des FC Bayern – in zweierlei Hinsicht. Zum einen kann sich wohl jeder Fußballfan an den ein oder anderen Fehler von Dayot Upamecano oder Min-Jae Kim erinnern. Zum anderen sind beide immer wieder verletzt. Gleiches gilt für Sommerneuzugang Hiroki Itō. Der vom Spielertyp her vielleicht verspätete Ersatz für Pavard stand in dieser Saison verletzungsbedingt bisher nicht mal 300 Minuten auf dem Feld.  So spielte im Viertelfinale der Champions League gegen Inter Mailand über die gesamte Spielzeit beider Duelle der 31-jährige Eric Dier. Jemand, der bei Tottenham schon längst aussortiert worden war und unter Vincent Kompany bis zur Verletzung von Upamecano noch weniger beachtet wurde als Thomas Müller.

Benjamin Pavard war unabhängig von alledem immer jemand, der sich vollends reingehauen hat – und mit dieser Floskel kommt nun der rein Eye Test basierte Teil. Es gab eine typische Pavard-Szene im mittwöchigen Aufeinandertreffen, in welcher der 29-Jährige einen Ball in der zweiten Hälfte, in einer für ihn charakteristischen Manier, einfach kompromisslos und sauber von hinten weggrätschte. Eine mögliche Konterchance für Bayern verhinderte er dadurch schon im Ansatz. Vermutlich machen solch zauberhafte Grätschen mit denjenigen, die selbst mal in der Verteidigung gespielt haben, auf welchem Niveau auch immer, mehr als mit anderen Fußballfans – denn sie löste Nostalgie im Verfasser dieses Textes aus. 

Die Szene taucht in keiner Spielzusammenfassung auf, brachte aber Erinnerungen hoch an bessere Zeiten beim FC Bayern, in denen Benjamin Pavard noch in rotem Trikot über den Boden rutschte und Konter nullifizierte. Zeiten, als der FC Bayern unter Julian Nagelsmann in sechs Duellen gegen Inter Mailand, den FC Barcelona und Paris Saint-Germain sechs Mal gewann – und kein einziges Gegentor kassierte. Bevor die Saisonziele in Gefahr gerieten und der Verein ins Chaos fiel, aus dem er sich erst langsam wieder herausarbeitet.

Hinterlasse einen Kommentar