Thomas Tuchels Zeit beim FC Bayern war eine unglückliche. Sie glich einem langen verkaterten Samstagmorgen, der viele üble Einsichten mit sich brachte. Kalle und Ulli mussten die Realität ausbaden, dass ihre Nachfolgepläne mit Hasan Salihamidžić und Oliver Kahn krachend gescheitert waren. Nach sich häufenden, knappen 1:0 Siegen war der Trainer bei jeder Pressekonferenz so gereizt, dass einem die Journalisten, Didi und Lothar, fast schon leid tun konnten. Die Spieler wiederum übten so unsubtil Kritik am Trainer, wie man es selten sah. Einzig Leroy Sané und Harry Kane hatten eine gute Zeit, bis sich ersterer verletzte und zweiterer seinen Trophäen Fluch nicht mehr brechen konnte.
Im Zentrum der Misere stand ein theoretisch eingeübtes Duo, das laut Cheftrainer praktisch besser nie wieder in der gemeinsamen Rolle auf dem Platz stehen sollte: Deutschlands Doppelsechs, Kimmich und Goretzka.
Tuchel traf damit einen Nerv. Die Mittelfeld-Achse war seit dem Sieg der Corona-Champions League 2020 allgegenwärtig. Sowohl im bayerischen Spiel als auch in der DFB-Auswahl. Mit ihr ging die Erfolgskurve flach, wenn auch kontinuierlich, immer weiter herunter, bis man ganz unten angekommen war, in Katar. WM 2022: Lasst uns von den Gänsen lernen und gemeinsam unseren großen Flug machen. Fliegen sollten sie dann bekanntermaßen recht schnell.
Kein Jahr später sind wir in einer völlig anderen Welt angekommen. Der Tief stehende Sechser um den Tuchel die Bayern Bosse anbettelte, scheint nicht ins System zu passen, Gerüchten zufolge könnte Goretzka vor einem Comeback im Dress des Bundesadlers stehen und trotz genügend Alternativen starten im Mittelfeld immer wieder dieselben beiden Kandidaten auf der Doppelsechs: Kimmich und Goretzka. Hä? Wie passt das zusammen? Ist die Kimmich-Goretzka Doppelsechs die schlechteste Mittelfeld-Konfiguration seit Jens Jeremies und Marco Bode oder werden wir 2026 endlich wieder Weltmeister?
Vom Notnagel zum Dübel
Unter einigen Bayern-Fans und “Experten” hat sich die Ansicht verfangen, die Kimmich Goretzka Doppel 6 sei eine Erfolgsgeschichte so alt wie die Zeit. Angefangen in den Nachwuchsleistungszentren des DFB bis zum Champions League Sieg 2020. Tatsächlich stimmt das nicht. Kimmich und Goretzka kommen zwar beide aus der verheißungsvollen 95er Generation, spielten jedoch etwas asynchron. Der eine mal in der U19, der andere Mal in der U21. Bei den Turnieren, die den Spielern den scheinbar etwas voreiligen Namen der “Goldenen Generation” einbrachten, waren sie mit Ausnahme des Confed-Cup 2017 nie in einer Mannschaft und auch da nicht gemeinsam auf der 6 aufgestellt. Erst beim FC Bayern trafen die beiden, die sich schon so oft über den Weg liefen, richtig aufeinander.
Der Erfinder des dynamischen Duos, sitzt heute in Dortmund, sorgt sich um seinen Arbeitsplatz und hört auf den Namen Kovac. Nach einem 5:1 Champions League Sieg gegen Benfica kam das Duo vereinzelt mal gemeinsam auf den Rasen. 2020 änderte sich dann aber nochmal alles. Kovac flog, Flick kam rein. Rafinha ging nach Botafogo und Kimmich musste die Lahm-Lücke auf Rechts-Außen erstmal schließen- seine kurzes Hadern mit der Impfung ist hiermit nicht gemeint. Dennoch ist die Pandemie abseits schlechter Witze ein entscheidender Punkt für die positive mediale Aufmerksamkeit gegenüber Kimmich und Goretzka. Die “We Kick Corona” Kampagne, in der die beiden Nationalspieler 6,5 Mio€ für 760 Projekte sammelten. Zu dieser Zeit spielte Kimmich jedoch noch als Rechtsverteidiger und Goretzka als Rotationsspieler im Mittelfeld, neben Tolisso und Thiago. In dieser Formation und mit gewissem Fitnessvorteil gewann der FC Bayern 2020 die Champions League.
In der Folgesaison verließ Thiago dann den FC Bayern in Richtung Liverpool. Tolisso hatte zuhauf mit Verletzungen zu kämpfen und Javi Martinez wurde mittlerweile aufgrund seines Alters zum Innenverteidiger umfunktioniert. Neben Marc Roca und dem halben Kader der Bayern-Junioren, die Hansi Flicks Co-Trainer Hermann Gerland im Gepäck hatte, gab es keine nennenswerte Konkurrenz.
Covid fand auch in den ersten Nagelsmann Monaten kein Ende und der Vorstand verpflichtete Partout keine Verstärkungen.
„Taktisch, technisch, mental ein einziges Defizit“
Das Problem der Kimmich Goretzka Doppelsechs war zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt und diskutiert. Beide Spieler haben große Qualitäten im Offensivspiel, Kimmich durch die Qualitäten eines erstklassigen Dirigenten im Passspiel und Goretzka durch Physis und Präsenz im letzten Drittel. In Kontersituationen haben sie jedoch Schwächen, die einander verstärken. Kimmich fehlt es an Tempo, Goretzka teilweise an Raumgefühl. Das bedeutet, dass sie eine Anfälligkeit bei gegnerischen Kontern haben, überlaufen zu werden. Beim FC Bayern München, der seit 2013 fast konstant die dominantesten Offensiven Europas stellt, ist die Qualität der Konter Absicherung im Mittelfeld systematisch überlebenswichtig. Auffällig wurde diese Schwäche im zweiten Flick-Jahr, in dem der FCB ganze 44 Gegentore kassierte. Eine Verdopplung im Vergleich zur Guardiola-Ära.
Nagelsmanns Wunschtransfer war Marcel Sabitzer, der keins dieser Probleme löste.
Dafür begann er aber zu experimentieren, um die Schwächen zu kompensieren, oder sie manchmal vollständig zu ignorieren. Die wahrscheinlich wildeste war eine 3-1-5-1 Aufstellung gegen Bochum im Februar 2023, in welcher Leon Goretzka als alleiniger 6er startete. Was sich daraus aber langsam ableitete, war ein immer besser funktionierendes System auf Basis einer 3er-Kette, dass die Schwächen von Kimmich und Goretzka durch einen weiteren Mann in der letzten Verteidigungslinie besser abfangen konnte, als das angestaubte 4-2-3-1, dass der FC Bayern seit Louis van Gaal zu spielen pflegte.
Die Glanzleistung kam dann in der Champions League im Achtelfinale gegen PSG. Die Neymar-Messi-Mbappé Offensive wird heute teleologisch als Projekt verklärt, dass zwangsläufig zum Scheitern verurteilt war. Richtiger ist, dass der FC Bayern an den beiden Abenden die bedeutsam bessere Mannschaft war. Im 3-Box-3 Mittelfeld, dass Nagelsmann sogar noch vor Pep und Arteta cool machte, funktionierte jedes Glied jeder Kette. Kimmich und Goretzka nahmen Messi und Mbappé an die Leine. Eine der brillanteren Leistungen, die der FC Bayern seit der Pandemie abrief.Ein paar Tage später wurde der Trainer trotzdem gefeuert.
Leon Goretzka sah aus wie all die Lobeshymnen, die seine Jugendtrainer auf ihn sangen, wie der verlorene Sohn von Lothar Matthäus und Michael Ballack. Nur um dann 3 Wochen später gegen Manchester City wie ein Reh im Scheinwerferlicht zuzuschauen, wie Rodri seinen Stellungsfehler ausnutzte, um das Tuchel Bayern aus der Champions League zu schießen.
Und da wären wir wieder am Anfang. Der unglücklichen Zeit unter Trainer Thomas T. der unablässig nach einer Holding Six rief und die richtige Diagnose zur Kimmich-Goretzka Problematik stellte. Wochen nachdem ein anderer sie bereits löste.


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