Ich saß mal wieder mit meinem großen Bruder in seinem Zimmer, er auf seinem weiß gepolsterten Stuhl mit den Armlehnen und ich auf seinem Schreibtischstuhl. Vor uns der kleine Fernseher auf dem Sideboard, die Playstation 3 Controller in der Hand, es ging, mal wieder, um die Teamauswahl für die nächste Runde Fifa. Die ganzen großen Teams aus München, Madrid, Barcelona oder Paris schon oft genug gespielt, nahmen wir uns mittlerweile meistens die 4-Sterne-Teams vor. Meine Wahl fiel an diesem Tag auf Olympique Marseille. Im Sturm damals: André-Pierre Gignac. Oder wie mein Bruder nach seiner Rückkehr aus dem Schüleraustausch in Paris sagte, Gignac Big Mac.
Der Spieler blieb mir durch seinen wahnsinnig kraftvollen Distanzschuss im Kopf. Schnell baute ich im Ultimate Team, einem Online Modus, in dem man eigene Mannschaften zusammenstellt und sich mit anderen Spielern misst, ein Team um diesen Typen auf. Damals ging das noch und der Modus war spielbar, ohne dreißig Spiele am Wochenende machen zu müssen, um nicht hinter der Power Curve des Spiels zurückzubleiben oder Echtgeld für die Chance auf neue Spieler auszugeben.
Noch mehr Spaß an Fifa hatte ich, als wir anfingen, auf 3,5-Sterne-Teams zu wechseln. Denn Gignac hatte den Verein gewechselt. Nicht mehr Olympique Marseille, eines der bekanntesten Teams aus der Ligue 1, sondern die Tigres aus Monterrey in Mexiko wurden nun zu meinem absoluten Go-to Team. Umringt von schnellen Spielern wie Jürgen Damm oder Javier Aquino schoss Gignac ein Tor nach dem anderen. Im Spiel und im echten Leben.
Idol, Vereinslegende, Rekordtorschütze
“Dédé”, wie er auch genannt wird, ist kein Fußballspieler wie jeder andere. Im Grunde ist er ein Fußballspieler wie überhaupt kein anderer. Seine Entscheidung, Marseille 2015 in Richtung Mexiko zu verlassen, konnte kaum jemand nachvollziehen. Immerhin soll es Interesse von Arsenal und namhaften Teams aus Italien gegeben haben. Französische Fans vermuteten, er ginge nach Mexiko, um dort leichtes Geld zu verdienen. Doch André-Pierre schlug auch ein Angebot aus Saudi-Arabien aus. Nein, Gignac ging nach Mexiko, weil er das Fußballland Mexiko bekannter machen wollte. So zumindest nach eigener Aussage. Heute kann man durchaus sagen, dass das geklappt hat. In meinem Freundeskreis allemal.
Der bullige 9er ist mittlerweile seit fast 10 Jahren bei den Tigres. Er ist Idol, Vereinslegende, Rekordtorschütze und seit 2019 sogar mexikanischer Staatsbürger. Die L’équipe schrieb vor kurzem, dass Real Legende Sergio Ramos nun zwar auch in Mexiko spiele, der unbestrittene Star der Liga bliebe dennoch Gignac. Er wolle Meisterschaften gewinnen und helfen, als erster Verein aus Mexiko die Copa Libertadores, die südamerikanische Champions League, zu gewinnen, verkündete Gignac bei seiner Ankunft. Erstere schaffte er wiederholt, doch an der Libertadores scheiterten er und sein Team haarscharf. Zwar verhalf der selbst ernannte Gitano den Tigres UANL bereits in seiner ersten Saison ins Finale der Libertadores, doch dort scheiterten sie an River Plate. Insgesamt elf Titel gewannen die Tigres mit ihrem französischen Starstürmer, darunter die Concacaf Champions League. Dadurch qualifizierte sich die UANL für die Klub-Weltmeisterschaft, wo sie im Finale an Hansi Flicks Bayern scheiterten.
Sie lieben ihn

Dass die Fans der Tigres ihren Topstürmer lieben, ist keine Überraschung. Doch sie lieben ihn nicht nur für seine Tore, immerhin 219 an der Zahl, sondern sie lieben auch den Menschen dahinter. In den sozialen Medien fiel er das ein oder andere Mal als “Feierbiest” auf. Der Son-Goku Fan ist aber auch für seine harte Arbeit und Hingabe für sein Team bekannt, dessen Symbol er sich tätowieren ließ. Er ist der Anführer seiner Mannschaft und spielte sogar schon mit einigen Fans zusammen ein Fußballspiel. Er liebt die mexikanische Kultur. So sehr, dass er die mexikanische Staatsbürgerschaft annahm. Gignac ist außerdem ein Familienmensch, lebt mit seiner Frau Deborah und ihren Kindern in Monterrey, der Stadt, aus der die Tigres kommen. Bei seinen Mitspielern ist er ebenfalls sehr beliebt. Man schätzt die schnelle Anpassung des Franzosen an die mexikanische Kultur, er gilt als lustiger Typ. Gemeinsame Abende mit Mitspielern und Familien gibt es häufig.
Die Fans mochten Dédé schon immer. Seine Nähe zur Familie zeichnete ihn auch in Frankreich aus. An Tagen nach Spielen half er seiner Schwiegermutter gerne mal auf dem Markt. Nach seinem großen Durchbruch in Frankreich, als der Stürmer aus Martigues Torschützenkönig und Spieler des Jahres wurde, fragte man Gignac, was er ohne den Fußball machen würde. Die Antwort lautete „Meine Cousins sind Müllmänner, sie verdienen ungefähr 1900 Euro im Monat und spielen sonntags Fußball. Das ist doch nicht schlecht.“ Gignac ist nahbar und spielt tollen Fußball. Ein großer, bulliger Stürmer, der Kopfballstark ist, aber auch brandgefährliche Distanzschüsse ablässt. Das kann man doch nur mögen.
“Gignac kannst du vergessen”

Didier Deschamps, Weltmeistertrainer von Frankreich 2018 und 2011 Trainer von Gignac bei Marseille, war kein Fan. In einem heimlich mitgeschnittenen Telefonat, sagte der Trainer, man müsse ihn wie einen Klotz am Bein mit sich rumschleppen und wollte den teuren Neuzugang am besten nach einem Jahr schon wieder loswerden. “Gignac kannst du vergessen“, hörte man ihn sagen. Deschamps schickte ihn zeitweise in die Reservemannschaft und sogar in ein Diätcamp. Gegnerische Fans verhöhnten den Stürmer, sie sangen “un Big Mac pour Gignac”.
Glücklicherweise ist Gignac nicht nachtragend. Trainer und Spieler versöhnten sich. Weil Gignac in Mexiko so stark spielte, nominierte Deschamps ihn für die EM 2016, zog ihn unter anderem dem gerade bei Lyon durchgebrochenen Alexandre Lacazette vor. Beinahe wäre er bei dieser Heim-EM zum Held von Frankreich geworden. Sein Schuss in der 2. Minute der Nachspielzeit im Finale gegen Portugal trifft den Innenpfosten und springt vom Tor weg. Verlängerung. Éder. Portugal gewinnt.
Nun befindet sich André-Pierre Gignac in seinem wohl letzten Karriere Jahr. Es wird bereits gemunkelt, dass er eine Rolle als sportlicher Verantwortlicher bei den Tigres übernehmen soll. Er schoss die meisten Tore in der Tigres Geschichte, spielte die fünftmeisten Spiele, brachte dem Verein Erfolge und Bekanntheit. 2019 gab der Verein bekannt, ihm eine Statue errichten zu wollen. Gignac wurde zwar nicht zum Helden von Frankreich. Aber er wurde zu einem Helden in Mexiko.


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