To be them you oughta beat them

Die GOAT Debatte ist so ziemlich das anstrengendste was der Fußball zu bieten hat. Aber es klickt sich verdammt gut (nicht, dass uns das interessieren würde). Deshalb und vor allem weil dieser Autor morgen eine Statistik-Klausur schreiben muss, für die er noch zwanghaft prokrastinieren will, stellen wir heute die Frage, ob Kylian Mbappé das Zeug hat, um am Ende auf einer Ebene mit Messi und Cristiano zu stehen. 

Viel wurde über Kylian Mbappé vor seiner Ankunft zu Real Madrid gesagt und geschrieben. “Wozu einen linken Flügel, wenn Sie mit Vini dort den weltbesten Spieler haben?”, “Er wird nicht ins System passen”, “Zu viele große Egos auf einem Platz”. Toni Kroos meinte noch scherzhaft in deutschlands zweitbestem Fußballpodcast, Mbappé könne ja die Lücke ausfüllen, die sich auftut wenn Josélu mal verletzt sei. Dabei schien irgendwie jeder vergessen zu haben, was zwischen 2018 und 2022 allen klar zu sein schien. Kylian Mbappé ist zur Zeit der beste Spieler der Welt. 

Rise of the Teenage Mutant Ninja Turtle

Foto: Edgar Breschtschanow, Wikimedia Commons CC-BY-SA-3.0

Als Außenseiter könnte man glauben, dass ein Spieler, der mit 19 Jahren seinen ersten WM-Titel gewinnt, um danach jede Saison besser zu werden, recht gute Chancen hat, eine historische Größe seines Sports zu werden. Falsch gedacht. Mbappé hat das Pech, im Schatten zweier Giganten zu stehen. Cristiano Ronaldo, so unfassbar unsympathisch wie er ist, hat in seiner Zeit bei Real Madrid mehr Tore verbucht als er Spiele gespielt hat. Lionel Messi, ist laut meinem Großvater, einem lebenslangen Fußballfan, der Pélé, Maradonna, Cruyff und Heiko Westermann beim Spielen zusehen durfte, der mit Abstand beste aller Zeiten. In Russland konnte sich der junge Franzose pfeilschnell in die Diskussion schießen. In Paris entriss er dem vermeintlichen Thronfolger Neymar das Diadem und im besten Fußballspiel, das je ausgetragen wurde, in der schrecklichsten WM die je stattfand, schoss er einen atemberaubenden Hattrick. Clutch, wie die Kinder sagen würden, oder um es mit Thierry Henry zu sagen “There comes a time when you are ‘that guy’ and I believe that’s you right now”.

Noch während der WM zahlte Paris Saint-Germain 180 Millionen € für den Neunzehnjährigen, der wenige Wochen später als Weltmeister in seine Heimatstadt zurückkehrte. 6 Jahre lang würde er für den Scheichklub im Schatten des Eiffelturms spielen. Die französische Liga war zu diesem Zeitpunkt nur bedingt Wettbewerbsfähig. Nominell gehört die Ligue 1 zwar zu den europäischen Top 5 Ligen, steht aber abgeschlagen auf Platz 5 hinter Italien und Deutschland, bei denen das “T” in top öfter mal klein geschrieben wird. Unter Fans und “Experten” machte sich die Meinung breit, dass Mbappé sein Potential vergeude. Ob es nun einen Unterschied macht, gegen RC Lens oder Deportivo La Coruna drei Punkte zu holen, sei mal dahin gestellt. Zwar war allen klar, dass Mbappé eines Tages zu Real Madrid wechseln würde, nur ließ er sich dafür Zeit, um in der Zwischenzeit laut Schätzungen über eine halbe Milliarde € vom katarischen Staatsfonds zu kassieren. 

Zu alt für den Kindertisch, zu jung für den Schnaps

In der Zwischenzeit kamen jedoch neue Wunderkinder auf den Rasen, um ihm den Titel streitig zu machen. Jude Bellingham bewies in seiner Debütsaison absolute Weltklasse. Jamal Musiala hat wahrscheinlich die beste Ballkontrolle im Weltfußball und bringt einen Magiefaktor, den ein deutscher Spieler, inklusive Bernd “Schnix” “Anschneider” “Der weiße Brasilianer” Schneider, so noch nie vorweisen konnte. Sein spielerisches Potential scheint grenzenlos. Neben ihm in der Nationalmannschaft hat Florian Wirtz die tot-geglaubte Rolle des 10ers wieder im Proifußball verankert und letzte Saison ein Double ohne Niederlagen als bester Spieler von Bayer Leverkusen geholt. Der 21-jährige hat entgegen seinem Ruf die größte fußballerische Spielintelligenz und weist eine konstant steigende Torquote auf. Erling Haaland, zwar spielerisch limitierter als die anderen, brilliert als erster Spieler seit dem GOAT-Duo mit einer vergleichbaren Torgefahr und konnte in seiner Debütsaison, in der besten Liga der Welt, sowohl den englischen Tor-Rekord brechen, als auch ein historisches Triple abräumen. Über Messis Taufpatenkind, das als Teenager mit Stammplatz einen EM-Titel holte und eben diesen Kylian Mbappé aus dem Turnier schoss, brauchen wir gar nicht erst reden. 2020 sah es noch aus, als bestünde eine klare Thronfolge. Aber mit jedem Jahr, das Mbappé in Paris blieb, kam ein neues Wunderkind auf den Rasen, das genau wie er ein Versprechen auf die Zukunft abgab, welches am Ende unmöglich zu halten sein wird.

Alle Wege führn nach Rom, nur muss man sie auch gehen

Mbappé ist jetzt angekommen. Der Hattrick gegen Manchester City in der Champions League traf vor allem die, die ihn zu Beginn anzweifelten. Sicherlich auch ein Ergebnis, des legendären Man-Management eines Carlo Ancelotti. Genau dieser meinte nach dem Spiel, dass Mbappé gut gespielt hätte, um jedoch an den Erfolg seines Idols Cristiano anknüpfen zu können, hart arbeiten- und diese Leistungen konstant abrufen müsse. 

Um das näher zu erläutern müssen wir die Prinzipien von “The Eye-Test” einmal kurz verraten und über ein Thema sprechen, das selbst den hartgesottensten promovierten Gesellschaftswissenschaftlern den Angstschweiß aus den Drüsen treibt: Kalte, harte Zahlen.

Im Alter von 21 Jahren standen Cristiano Ronaldo und Lionel Messi, 36 und 51 Tore zu Buche. Mbappé 116. Im Spiel gegen Manchester City konnte er seinen 500sten Scorerpunkt verbuchen. Der argentinische Magier hatte im selben Alter 20 Scorer weniger und Cristiano Ronaldo stand “erst” bei 300 Torbeteiligungen. Anders als die beiden GOAT-Contender begann Mbappés Karriere deutlich explosiver, hielt Mbappé seinen jetzigen Output konstant, hätte er am Ende trotzdem einen geringeren Output als Lionel Messi. Was die Statistik nämlich auch verrät, ist die immense Leistungssteigerung, die Messi und Ronaldo in ihren Mittzwanzigern auf den Rasen brachten. Cristiano und Messi konnten beide in ihrer Karriere in 9 Saisons über 30 Ligatore allein erzielen, haben beide 3 Saisons mit 40 oder mehr Toren und davon jeweils eine 48- und eine 50 Tor-Saison. Mbappé konnte die 30-Ligatormarke nur ein einziges Mal knacken. In der Saison 2018/19, damals noch als Talent, beflügelt von einem frischen WM Titel. Dies sind die langen Schatten, in denen Kylian Mbappé Lottin steht. 

Werfen wir nochmal einen Blick zurück auf die Liste der Top-Torjäger mit 21, stehen vor Mbappé zwei auffällige Namen. Neymar mit 140 Toren und Ronaldo Nazario mit unglaublichen 167 Treffern. Während der eine aus Selbstgefälligkeit sein Potenzial nie abrufen konnte, warfen den anderen schreckliche Verletzungen aus der Bahn einer einmaligen Weltkarriere. 

“We live in a world where people make instant ­judgements […].” – Dr. h. c. Marcus Rashford, MBE

Unser französischer Protagonist wird dieses Jahr 27 Jahre alt. Er kommt in seine fußballerische Blütezeit, seine Prime. Ein Talent ist er schon länger nicht mehr. Auf diese Jahre kommt es für ihn jetzt an. Die Fähigkeiten und die Aura, um mit den Gesichtern des Fußballs der 2010er Jahre gleichzuziehen, hat er. Aber der Fußball hat sich verändert. Es werden mehr Spiele, das Verletzungsrisiko steigt. Die Stars stehen viel direkter im Austausch mit einer enorm volatilen und zunehmend unflätigen, aggressiven und spöttischen öffentlichen Meinung. Die zwei Faktoren der Ability of Availability sowie der enorme psychische Druck, aufgebaut durch die vollkommen absurde Erwartungshaltung, die von den unmöglich-gedachten Leistungen, der nun schon zu oft namentlich erwähnten La-Liga-Kicker, der sich auch in der impliziten Anspruchshaltung von genau diesem Artikel widerspiegelt, lasten auf ihm wie auf keinem Zweiten.

Daher sind Kylian Mbappés größten Rivalen auf seinem Weg zum Fußballolymp weder Haaland, noch Musiala, noch Vini (lol) noch Arda Güler (L O L).

Es sind er und wir.

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