Jeden Winter ist es soweit. Wenn die Tage am kürzesten sind, es draußen immer ungemütlicher wird und Weihnachten vor der Tür steht, beginnt sie – die „geilste Zeit des Jahres“ (Zitat Shorty Seyler). Darts erlebt in dieser Zeit einen wahnsinnigen Boom. Das WM-Finale verfolgten in der Spitze 3,19 Millionen Menschen auf Sport1, was einen neuen Rekord und satte 23,3% Marktanteil bedeutet. Zuschauer, die über DAZN einschalteten, sind hier nicht einmal mitgezählt. Das Google-Suchvolumen für „Darts WM“ hat sich im Vergleich zum Winter 2018 mehr als verdoppelt. Mehr Zuschauer, höheres Preisgeld, besseres Niveau – aber was ist das Besondere, das Fans immer mehr in den Bann zieht?

Präzision vs Halligalli
Kurz gesagt: Darts ist der perfekte Mix aus Präzision, Pace und Party. Während die besten Spieler der Welt im Alexandra Palace in London versuchen, aus 2,37 Metern Entfernung winzige 5-mm-Felder zu treffen, verwandelt das Publikum den Saal in eine Partyzone. Die Zuschauer kommen in den wildesten Verkleidungen, allen bekannte Kultsongs werden gegrölt, Bierpitcher geext. Alles läuft wie ein einziges, großes Halligalli.
Währenddessen zählt auf der Bühne volle Konzentration, denn die ist notwendig – ein Leg, also 501 Punkte auf Null, dauert bei den Profis selten länger als zwei Minuten. Es geht Schlag auf Schlag, Entscheidung auf Entscheidung. Fünf schlechte Minuten können dem besten Spieler der Welt das Turnier kosten. Und genau das macht Darts so einzigartig: Auf der einen Seite die absolute Präzision, auf der anderen die hemmungslose Feierei. Kein Wunder, dass die WM im Ally Pally längst Kultstatus hat. Wer keine Tickets mehr abbekommt – und die sind schneller weg als ein Triple-20-Wurf – bringt den Spirit einfach vor die eigene Scheibe.
Auch ich bemühte mich um Tickets, um die WM im legendären Alexandra Palace zu verfolgen. Als sie endlich in den freien Verkauf gingen, waren sie jedoch bereits vergriffen. Während die Profis in London spielten, organisierten mein Bruder und ich ein eigenes Turnier in einem lokalen Irish Pub in Berlin Wedding und maßen uns mit Freunden. Sei es im Pub oder im Wohnzimmer: Darts verbindet und ist einfach ein Lebensgefühl.

Der unglaubliche Aufstieg von Luke Littler
Dieses Jahr reichte es bei mir nur fürs Halbfinale – und ausgerechnet mein jüngerer Bruder (Redakteur Johann grüßt) kegelte mich aus dem eigens organisierten Turnier. Während ich noch die Niederlage verdaute, lieferte ein anderer ab: 18 Tage vor seinem 18. Geburtstag schrieb Luke Littler Geschichte und krönte sich zum jüngsten Weltmeister aller Zeiten. Sein Gegner im Finale? Niemand Geringerer als Michael van Gerwen, der diesen Titel selbst hielt, seitdem er 2014 mit 24 Jahren Weltmeister wurde.
Heute ist „MvG“ 35, und konnte einer dominanten Vorstellung von Littler in den entscheidenden Momenten nichts entgegensetzen. Direkt im ersten Satz breakte der Youngster ihn eiskalt, zog mit einem 4:0-Run davon und ließ sich auch durch van Gerwens Zwischenfeuer nicht aus der Ruhe bringen. Am Ende stand ein klarer 7:3-Sieg auf der Anzeigetafel – ein Statement. In Anbetracht Littlers jungen Alters und des nicht zu übersehenden Talents war es letztlich keine Frage ob, sondern nur wann Littler MvGs einstigen Rekord einkassieren würde.
Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass es eine besondere Zeit im Darts ist. Wir erleben gerade hautnah den Aufstieg des dominierenden Spielers der nächsten Dekade. Seit nun einem Jahr ist Littler Profi-Darter. Sein erspieltes Preisgeld in dieser Zeit übersteigt 1,5 Mio€, davon etwa 600.000€ für den Gewinn der Weltmeisterschaft. Littler ist nicht nur der jüngste Weltmeister aller Zeiten, er ist auch der jüngste Darts-Millionär aller Zeiten. Im Darts kann man heutzutage wirklich Geld verdienen – auch das eine Folge des angesprochenen Booms.
Durchwachsene Performance der deutschen Spieler
Und die Deutschen? Leider weitgehend enttäuschend. Unsere bestgesetzten Spieler Martin Schindler und Gabriel Clemens verloren beide bereits ihre Auftaktpartien. Während Clemens seit seinem Halbfinal-Run vor zwei Jahren in einer Formkrise steckt, kam das frühe Aus für „The Wall“ Schindler überraschend. Er spielte bis dato ein starkes Jahr, gekrönt von zwei Titeln auf der European Tour. Diese bedeuteten nicht nur die ersten beiden Titel seiner Karriere, sondern sind auch die Titel Nummer 2 und 3 für Deutsche im internationalen Darts – alle Titel wurden übrigens auf europäischem Festland gewonnen. Bühnenturniere in England bleiben für deutsche Spieler also ein schwieriges Pflaster, da sie offenbar noch nicht mit den ausgelassenen Anfeuerungen der englischen Lokalmatadoren und dem größeren Druck umgehen können.

Besser machte es bei der WM Ricardo “Pikachu” Pietreczko. Der Berliner bestätigte, dass er auf großer Bühne der nervenstärkste Deutsche ist und erreichte, durchaus überraschend, als nur zweiter Deutscher jemals das Achtelfinale einer Weltmeisterschaft. Hoffnung für die Zukunft macht mir dazu ein anderer: Der stolze Mainzer Nico Springer überzeugte, trotz knapper Auftaktniederlage gegen den letztjährigen Halbfinalisten Scott Williams, mit starkem Scoring. Springer ist eindeutig das größte deutsche Talent und wird in Zukunft ein Top-16-Spieler sein, auf den wir uns freuen können.
Charaktere des Darts
Trotz der gemischten Leistungen der deutschen Spieler bei dieser WM, mit Ricardo Pietreczko als einzigen Lichtblick, zeigt gerade er, warum Darts nicht nur durch sportliche Erfolge begeistert. Es sind die Charaktere, die diesen Sport ausmachen. Pietreczko mag überraschend das Achtelfinale erreicht haben, doch auch über seinen für Engländer schwierig greifbaren Charakter wurde diskutiert. Und genau das zieht sich durch die gesamte Darts-Welt: keine glatten Profis, sondern Typen mit Ecken, Kanten, Eigenwilligkeiten und Geschichten, die den Sport so authentisch und greifbar machen.
Im Vorlauf der Achtelfinalpartie von Ricardo Pietreczko bezeichnete sein Gegner Nathan Aspinall ihn als “odd character”. Empörung in den deutschen Medien machte sich breit. Focus, Bild, Welt, Tagesspiegel – alle berichteten über die Provokation. Ich fragte mich: Hat er nicht recht? Natürlich ist Ricardo Pietreczko eigen. Ein 30-jähriger, der zu der Melodie von Pokémon auf die Bühne läuft, der auf Instagram wütende Nachrichten an Luke Littler postete (und sich später entschuldigte), der sich nach einem Spiel gegen Beau Greaves so beleidigt zeigte, dass er im nächsten Match die Zuschauer keines Blickes würdigte.
Natürlich ist Ricardo “odd”. Aber welcher Dartspieler ist das nicht? Peter Wright ließ sich kürzlich als 54-jähriger eine Schlange auf die Seite seines Kopfes tätowieren. Gerwyn Price, ehemaliger Rugby-Spieler und Bad Boy der Darts Weltspitze, schreit regelmäßig die Bühne zusammen, nachdem er ein Leg checkt. Michael van Gerwen, der bereits bei seinem erwähnten ersten WM-Titel mit 24 seine komplette Haarpracht verlor und im Anschluss von Peter Wright “Big Baby” getauft wurde. Joe Cullen brach neulich abrupt eine Pressekonferenz ab, da er es als mangelnden Respekt seitens der Journalisten betrachtete, dass sie den in diesem Jahr deutlich besseren Spieler Wessel Nijman als Favoriten gegen ihn ansahen. Und dann wäre da noch der erwähnte neue jüngste Weltmeister aller Zeiten – Luke Littler. Ein 17-Jähriger, der wohl auch in einer Ü40-Party nicht auffallen würde.

Ja, Dartspieler sind Charaktere. Keine glatten Typen wie Cristiano Ronaldo, Manuel Neuer oder Lionel Messi, die überhaupt nicht greifbar sind. Nein, Menschen aus dem echten Leben, die es nicht immer leicht hatten. Pietrecko ist gelernter Maler, van Gerwen Fliesenleger. Peter Wright hatte so große Not, dass er sich in verschiedenen Jobs bemühte. Autos waschen, Handwerk, Limonade brühen – Hauptsache, etwas Geld blieb übrig.
Ist es nicht das, was Darts so einmalig macht? Typen aus dem Leben, die aussehen wie sie nun mal aussehen, die sagen, was sie denken und nicht jedes Wort dreimal umdrehen.
So viel mehr als ein Sport
Die diesjährige Darts-WM hat einmal mehr unterstrichen, warum der Sport so viele Menschen fasziniert. Es sind nicht nur die packenden Matches und die beeindruckenden Leistungen der Spieler, sondern auch die Charaktere und die besondere Atmosphäre, die Darts zu einem Event machen, das immer mehr Zuschauer anzieht. Die Darts-Szene ist lebendig, vielfältig und auch immer ein Duell der Generationen. Und so bleibt es spannend, wie sich dieser faszinierende Sport in den kommenden Jahren weiterentwickeln wird. Wer weiß, vielleicht wird schon bald ein neuer deutscher Darts-Star die Weltbühne erobern. Bis dahin bleibt uns nur eines zu sagen: Augen auf, wenn der Ally Pally (oder der Irish Pub im Wedding) wieder erleuchtet – Darts ist und bleibt Spektakel.
-Jacob Nilius


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