Wir schreiben das Jahr 2006. Es sind ein paar meiner frühesten Erinnerungen und ein paar der besten: Seit 2 Monaten wird im Mülheimer Kindergarten über nichts anderes mehr gesprochen. Überall um uns herum wehen kleine Deutschlandfahnen, über die sich meine Mutter tierisch aufregt. Im Fernsehen Werbespots, in denen Pélé, Beckenbauer und Zidane mit Kindern in der Favela Fußball spielen. Meine große Schwester erzählt mir ganz aufgeregt über Ronaldo, den besten Spieler der Welt und Ronaldinho, der vielleicht sogar noch besser ist. Mein 5-jähriges ich hört den Namen andächtig zu, die es die nächsten 2 Jahre nicht einmal buchstabieren kann, und doch erinnere ich mich seltsam genau, als wäre das alles erst gestern gewesen.
Euphorie geht umher, Vorfreude, die größer ist als auf jedem Weihnachtsfest bisher – und das will etwas heißen. Fußball kennt der 5-jährige nur daher, dass seine Freunde Marc und Lukas ihn eindringlich davon überzeugen wollen, Schalke- bzw. Bayern-Fan zu werden (und trotz meiner damaligen Lieblingsfarbe, entschied ich mich falsch).
9. Juni 2006. Nie wieder war die Welt so schön. Im Garten von Onkel Martin wird der Grill angezündet. Der von meinem Papa nach draußen getragene Röhrenfernseher zeigt mir die Gesichter von Johannes B. Kerner, einem unbekannten aber sympathischen Blondschopf namens Jürgen Klopp und den zwei alten Knackern aus dem Werbespot. Onkel Martin sagt, sie sind wichtig, scherzt dann noch, dass man mit Birgit Prinz vorne besser aufgestellt wäre und dann erscheinen auch schon zwei weitere Gestalten. Ein kleiner alter Mann mit braunen langen Haaren und ein biederer ARD-Moderator. Es folgt viel Gelächter. Mich interessiert es nicht. Ich spiele mit den älteren Kindern Fußball – ich Deutschland, sie Costa Rica – und schieße ein Tor nach dem anderen, weil sie wissen, dass ich im Falle einer Niederlage die ganzen 90 Minuten des Eröffnungsspiels mit meinem Geheule übertönen würde. Dann stehen die Spieler im Tunnel: “Der Kapitän Michael Ballack schaut heute nur von der Bank aus zu. Obwohl er spielen wollte, lässt der Bundestrainer ihn aussetzen, damit er sich von seiner Verletzung erholen kann”.
Für meine Eltern ein halbstarker 29-jähriger, ist er für mich die Definition eines Fußballgottes. Mit 5 Jahren wollte ich nichts lieber sein als Michael Ballack. Die große Statue, die wehende Mähne, meine Lieblingszahl, die 13, auf seinem Trikot. Ballack ist für mich das was Lothar Matthäus oder Franz Beckenbauer, für die Kinder ihrer Dekaden waren. DER Fußballer, der Fußballer. Eine Nationalmannschaft ohne ihn? Undenkbar. Somit war für mich der Führungstreffer von Philipp Lahm nicht so beeindruckend wie für die Erwachsenen um mich herum – mit Ballack wäre das schließlich ein 10:0 geworden.
Am Ende reichte es dann aber nicht bis ganz nach oben. Kloses Rettungstat, der Versöhnhandschlag zwischen Kahn und Lehmann reichten noch knapp gegen Argentinien. Im Halbfinale schieden Sie dann gegen spielerisch überlegene Italiener aus. Der große Capitano blieb neben Sebastian Kehl farblos. Ko-Kapitän Frings war nach einem Handgemenge mit den Argentiniern gesperrt. Ob er den Unterschied gemacht hätte ist unwahrscheinlich, aber auch nebensächlich. Was für die Welt um mich herum ein Sommermärchen war, brach zum ersten Mal mein noch sehr junges Herz.
Die Idee vom Capitano
Es ist kein Zufall, dass Michael Ballack seinen Beinamen trägt. Obwohl er sich in der DFB-Elf, sowie beim FC Bayern, lange hinter Oliver Kahn einreihen musste, machte er 55 seiner 98 Länderspiele als Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. Er steht dabei nur hinter Manuel Neuer und Lothar Matthäus. Ballack brachte alles mit was das Idealbild eines Kapitäns ausmachte. Ein großer, für einen Fußballer kräftiger Spieler, der sein Herz auf dem Rasen ließ. Im zentralen Mittelfeld rannte er von der 6er Position bis in die Sturmspitze, konnte präzise flanken wie kein zweiter und in engen Situationen auch aus 30 Metern das Tor treffen. Ganze 42 Tore in seinen 98 Spielen stehen zu Buche. Eine absurde Nummer, die weder ein Steven Gerrard, noch ein Frank Lampard, Spieler, welche ihm vom Typus wohl am Ähnlichsten kommen, so für ihre Nationalmannschaften hinlegen konnten. Anders als Lampard und Gerrard, Teil der “goldenen Generation” Englands, schaffte es Ballack 2002 eine absolute Trümmer-Truppe in ein WM-Finale zu führen. Zusammen mit Klinsi und Jogi, legte er den Grundstein für ein Erfolgsprojekt dessen Ernte er am Ende, nicht mehr genießen sollte. Vielleicht auch genau wegen dieser Übergröße. Wegen “dem Capitano”.
Ein gläsernes Dach
Oft wird Michael Ballack in diesem Kontext als ein Unvollendeter dargestellt: Einer der ganz großen, der Opfer seiner Umstände war, Opfer einer Zeit in der leider niemand auf seinem Niveau mithalten konnte, in der der Deutsche Fußball den Glanz der wilden 80er und frühen 90er hinter sich hatte. In dieser Zeit konnte der deutsche Fußball sich noch nicht einmal vom in die Jahre gekommenen 442-Standfußball emanzipieren, da man immer noch mit Libero spielte.
In Interviews nach seiner Karriere beschwerte er sich, dass man beim FC Bayern erst nach seinem Abgang “so richtig investierte”. Zu seiner Zeit beim Serienmeister ruhte man sich noch auf der Erfolgsserie in der Bundesliga aus. Von den Triple-Bayern war man noch Lichtjahre entfernt. Pep Guardiola drohte wegen Doping der Knast, Louis van Gaal ärgerte sich in Barcelona, mit übertalentierten Brasilianern, die mal mehr und mal weniger Restalkohol im Blut hatten und Jupp Heynckes trainierte den großen und glorreichen FC Schalke 04. 4 Jahre nach dem er trotz gewonnener Champions League, Real Madrid verließ, weil seine Spieler Zitat: “Hurensöhne” seien. Statt Xabi Alonso und Schweinsteiger, musste sich unser Protagonist mit der “Eleganz” von Jens Jeremies und Ali Karimi im Mittelfeld abfinden.
Für Ballack war das nicht genug. Er wollte ganz oben mitspielen und nicht in der Champions League-Gruppenphase gegen Deportivo La Coruna und RC Lens ausscheiden. Dafür war er bereits zu weit gekommen und schon zu tief gefallen.
Um das zu verstehen, müssen wir noch einmal ins Jahr 2002 zurückschauen. Ballack spielte in Leverkusen fast eine der besten Saisons der Bundesligageschichte. Ein Verein, der noch nie etwas gewann war er in der Position jeden einzelnen Titel – also Bundesliga, Pokal und Champions League – zu gewinnen. Aber weshalb nur fast? Weil Ballack alles verlor. Und dann kam ja noch die WM…
Man stelle sich das mal vor: In Triple Position mit einem bisher noch ungekrönten Verein in jedem Wettbewerb scheitern.
Der historische Volley von Zinédine Zidane, Ronaldos Tanz gegen Oliver Kahn. Spieler, die in diesen Momenten unsterbliche Legenden des Fußballs wurden – Auf Kosten von Michael Ballack. Wahrscheinlich waren es diese Misserfolge, das dabei Zuschauen, wie der Bruchteil einer Sekunde – eine beinahe zufällige Berührung von getragenem auf rollendes Leder – aus einfachen Jungs Geschichten schreibt, die sie lange überdauern, sowie das Wissen, dass auch er es hätte werden können. Das Wissen, dass er die weiße Katze, EI Fenomeno hätte sein können. Seine eigene Legende. Der Capitano.
Alles glänzt, so schön neu
Nach der WM erfüllt sich Michael Ballack dann einen Traum. Den Wechsel in die beste Liga der Welt. Beim FC Chelsea ist er nur noch einer von vielen Capitanos. Lampard, Drogba, Shevchenko, Terry, Makalélé und Čech. Das alles noch unter Star-Trainer José Mourinho. Wie diese Kabine voller Alpha-Tierchen nicht explodierte, ist eins der größeren Geheimnisse der Fußballgeschichte.
Bei Chelsea fand Ballack die Qualität vor, nach der er sich sehnte. Nur konnte er mit Seiner einfach nicht mehr so herausstechen wie er es bei früheren Clubs tat. War Ballack zuvor noch der torgefährlichste Mittelfeldspieler der Welt, stand er nun neben Frank Lampard, der mehr Tore schoss, als Chelseas Stürmer. In der Rolle des Defensivbollwerks hingegen, kaufte ihm Claude Makalélé den Schneid mit einer Eleganz ab, die man sonst nur von spanischen Spielern kannte. Keine Frage: Ballack war selbstverständlich noch gut. Aber der Fixpunkt wurde er in dieser Mannschaft nicht mehr.
Ein Adler der versucht hat zu fliegen
Wir schreiben das Jahr 2008. Trainer José Mourinho wurde zu Beginn der Saison vor die Türe gesetzt, rein kam dafür Trainer Avram Grant. In der Premier League kann der FC Chelsea den Vorsprung von Manchester United nicht mehr einholen. Dafür wartet in der Champions League der ganz große Erfolg. Das Finale ist ausgerechnet wieder gegen die “Roten Teufel” von Sir Alex Ferguson. An eben diesen scheiterte Chelsea dann im Elfmeterschießen. Es sollte Ballacks letztes Champions League Finale werden.
6 Jahre nach dem Schicksalsjahr 2002, der verlorenen Liga und den 2 verlorenen Finalspielen schrammte Michael Ballack wieder am Glück vorbei. Und auch diesmal ging es zur Nationalmannschaft. Hier war er weiterhin die unangefochtene Nummer 1. Unter Trainer Jogi Löw konnte der Aufschwung der Heim-WM mitgenommen werden.
Die jungen Wilden von 2004 waren mittlerweile etablierte Fußballer von Format. Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm beim FC Bayern gesetzt und Lukas Podolski ein National Treasure. Im 4-2-3-1 von Jogi Löw bekleidete Ballack auf der 10 die Hauptrolle. Er war Dreh- und Angelpunkt des deutschen Spiels und brachte den besten Fußball seit 1996 in Millionen von Wohnzimmern. Aus der Aufbruchstimmung von 2006 wurde ein Weg des Erfolgs geschlagen, angeführt von Ballack. Unvergessen sein Freistoßtor gegen Österreich.
Und so stand Ballack wieder einmal im Finale und anders als 2002 auch nicht durch reinen Zufall. Deutschland spielte den besten europäischen Fußball der 2000er Jahre. Der Gegner Spanien leider den besten Fußball des kommenden Jahrzehnts. Das Team von Luis Aragonés deklassierte Deutschland. Dem Kurzpassspiel im Mittelfeld konnten Ballack, Hitzlsperger und “Der Lutscher” nichts entgegenbringen.
“Puyol, Ramos, Iniesta, Torres, Alonso, Xavi […], die Spanier waren zu diesem Zeitpunkt die beste Mannschaft der Welt – und standen erst am Anfang ihrer Entwicklung“ so später Kevin Kuranyi in einem Interview mit t-online. In der 33. Minute patzte ausgerechnet Philipp Lahm. Torres traf. Wieder einmal nur Silber. Wieder wie 2002. Schön gespielt und nach Hause gefahren.
Es platzen Kragen und Patellasehnen
“Michael, bleibst du bitte auf dem Platz? Wir wollen noch ein Danke-Transpi für die Fans in die Kurve bringen.” So oder so ähnlich werden die Worte vom Teammanager Oliver Bierhoff, dem Finalhelden von ‘96 und Erfinder des Slogans “die Mannschaft”, gewesen sein.
Empfänger dieser Botschaft war ein Spieler, der nun zum zweiten Mal in seiner Karriere nach einer so vielversprechenden Saison mit so vielen Finalspielen absolut alles verlor. Und der explodierte.
“Pisser”, “Du bist hier die Obertucke”.
Viele “lustige” Begriffe flogen nach Angabe der verschiedensten Quellen von Ballack in Richtung Bierhoff. Der fand das alles jedoch deutlich weniger unterhaltsam. Was folgte war eine lang anhaltende mediale Schlammschlacht, in der keine der beiden Parteien auch nur daran dachte, sich zu entschuldigen oder klein beizugeben.
2010 wollte Michael Ballack dann bei der WM 2010 noch ein vermutlich letztes Mal versuchen, den ganz großen Titel zu holen. Mit einer Weltmeisterschaft wäre alles vergessen. 2002, 2008, jedes kurze Vorbeischlittern: egal. Die deutsche Mannschaft schien Titelreif. Aber dazu kam es dann nicht mehr. Im FA-Cup Finale trifft Ballack auf Kevin-Prince Boateng, dieser wiederum mit Vorsatz seinen Knöchel. Aus der Traum. Die Welt war in heller Panik. ARD Sondersendung. Was heißt das für die deutsche Mannschaft? Boateng, mittlerweile Staatsfeind Nr. 1, wiederum musste an Flughäfen um seine Sicherheit fürchten.
So ging es also ohne den Capitano nach Südafrika. Die Binde übernahm Philipp Lahm und der wollte sie danach auch prompt nicht mehr hergeben. Ein weiterer Skandal. Waldemar Hartmann schimpfte darauf im Doppelpass, als hätte Rudi Völler zwei Weizen getrunken. Michael Ballack würde danach nie wieder ein Spiel für die Deutsche Nationalelf geben. Die Vollendung eines Unvollendeten.
Micha, mein Micha, und alles tut so weh
Das ist die Geschichte, die vielerorts erzählt wird und eine, die mir selber immer gelegen kam. Unser Capitano, hinterrücks rausgeworfen. Aber hier steht eine schmerzliche Erkenntnis im Raum, die ich mir selber noch nicht so ganz eingestehen möchte. Vielleicht, aber auch nur ganz vielleicht, war Michael Ballack auch ein bisschen selbst dran schuld.
2008 war sein Zusammentreffen mit Oliver Bierhoff nicht der einzige Zwischenfall. Auch zuvor durfte sich MB13 vom Kölner Goldjungen, Lukas “Poldi” “Mangal-Döner” Podolski, bereits eine Ohrfeige abholen. Auf Nachfrage, ob Poldi sich dafür entschuldigen wollen würde, verneinte er das selbst noch 2023 im Interview bei der Bild. Na gut, Poldi hat auch seine Ecken und Kanten, genauso wie Boateng, der im Gegenzug vor dem Schicksalsfoul im FA Cup Finale, eine Schelle von Ballack kassierte.
Hört man Boateng weiter zu, erfährt man etwas skurriles: Nach seinem Foul sollen sich Spieler der DFB11 sogar bei ihm bedankt haben. Und das zeigte sich auch auf dem Platz. In der WM 2010 spielte die deutsche Mannschaft deutlich befreiter auf. Nach dem großen Schock, dass der Kapitän der deutschen Einheit (kl Ossi Joke) nicht dabei sein würde, war der Schock auch schnell weg. Schließlich schaffte man den Einzug ins Halbfinale auch ohne Ballack. Die jungen Wilden der EM 2004, waren nun dieselbe Art gestandener Spieler, die er 2006 war. Intern wurde Ballacks Führungsstil bereits 2008 kritisiert. Er sei zu hierarchisch, unnahbar und schenkte jungen Spielern kein Gehör. Seine Riege an Spielern war 2010 längst in Rente, er hätte wie ein Fremdkörper gewirkt und konnte keine Brücken zu dem jüngeren Kader schlagen. Die flacheren Hierarchien und das Gehör, dass Philipp Lahm den Spielern schenkte, kam besser an. Als Ballack dann 2010 noch zum Trainingscamp nachreiste, soll ihm klargemacht worden sein, dass niemand auf ihn gewartet hatte. Eine eiskalte Abfuhr, aber keine, die sich nicht anbahnte.
Vielleicht ist also beides wahr: Der Capitano legte 2006 im Sommermärchen das Fundament, auf dem der Sieg 2014 errungen werden konnte. Doch damit auf das Fundament auch ein Sockel konnte, mussten sich Jogis Jungs erst von ihm emanzipieren.
Der Pathos um meinen tragischen Kindheitshelden, sieht dasselbe Auge 18 Jahre später unverblümter. Eine Mordskarriere: Viel Leid, viel Freud, Irrungen, Wirrungen. Aber Oh Captain, mein Captain, bitte such dir Partner:innen in deinem Alter.


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