Champions League Finale 2010. Mein Bruder 13 und ich 10 Jahre alt, sitzen in unseren roten Bayern Trikots vor dem Fernseher. Auf unseren Rücken die Nummern 33 und 44, für Mario Goméz und Anatolij Tymoschtschuk. Louis Van Gaal setzte weder auf den einen noch auf den anderen, doch das war uns natürlich egal. Dieser Wundertrainer hatte diese im Vorjahr gegen Barcelona hilflos im Viertelfinale ausgeschiedene Mannschaft in ein Champions League Finale geführt. Blöd nur, dass auf der anderen Seite ein noch besonderer Trainer saß. José Mário dos Santos Félix Mourinho.
Ich erinnere mich noch, dass wir uns gefreut haben, als Mourinhos Inter Mailand im Halbfinale über Barcelona siegte. Das Pep Barcelona, die Mannschaft, die fast genauso aussah wie das legendäre “2009 Barcelona”, die sowohl im Vorjahr als auch im Folgejahr die Champions League gewann und in dieser Phase eigentlich als unschlagbar galt. Inter dagegen schien schlagbar. Waren sie aber nicht. 2 Tore von Diego Milito machten an diesem Tag den Unterschied. Inter Mailand wird Champions League Sieger.
Nach der Sensation 2004 mit Porto gewann Mourinho zum zweiten Mal mit einem vermeintlichen Underdog die Champions League. Nun mag man sich fragen, ob ein Team, das aus heutiger Sicht mit Stars bestückt war, wirklich sowas wie ein Underdog sein konnte. Eto’o, Lucio und Sneijder kamen alle im Vorsommer, weil ihre Vereine sie nicht mehr wollten. Unter Mourinho waren sie Weltklasse. Wesley Sneijder hätte in diesem Jahr den Ballon d’Or gewinnen müssen. Zanetti war schon 37 und Namen wie Maicon oder Júlio César klingen legendär, doch tun dies in erster Linie wegen dieses Mourinho Jahres. Diego Milito, der Doppeltorschütze, kam im Sommer aus Genua. Diese Mannschaft bestand also zu Saisonbeginn nicht unbedingt aus Stars. Stattdessen war sie perfekt, um unter Mourinho (wieder) zu Stars zu werden. Perfekt für diesen “wir-gegen-die-Fußball”, den niemand so instrumentalisieren konnte wie er.
“I am a special one”
Dass er besonders war, wusste Mourinho früh. Berühmtheit erreichte dieses Zitat durch seine Antritts-Pressekonferenz bei Chelsea 2004. Nachdem er kurz zuvor mit Porto die Champions League gewann, konnte man dagegen auch wenig sagen. Mourinho selbst wusste das sicherlich, aber auch schon vorher. Mourinho besaß eine Aura, eine positive Arroganz, die nicht erst durch Erfolge entstehen konnte. Vielmehr brachte sie Erfolge mit sich. In einem Chelsea Team voller Nationalmannschaftskapitäne war er selbst die größte Persönlichkeit. Ihm war es egal, ob Club Besitzer Abramowitsch einen Andriy Shevchenko für teures Geld holte, er setzte lieber auf Didier Drogba, den er als vergleichsweise unbekannten Spieler aus Frankreich holte. Drei erfolgreiche Jahre später musste er gehen und übernahm Inter. Nach dem Triple Sieg 2010 ging es dann zu Real Madrid.

“A serial winner”
Real Madrid, das als Reaktion auf Peps übermenschliches Barca wieder ein Team von Galacticos aufbauen wollte, schaffte es trotz der Transfers von Kaka, Xabi Alonso, Benzema und Cristiano Ronaldo zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich Gegenwehr zu leisten. Es fehlte ein starker Trainer, der dieses Starensemble harmonieren lassen würde. Und der kam. Unter Mourinho wurde Real Madrid wieder zu einer Weltklasse Mannschaft. 2011 noch hinter Barca zurück geblieben, waren sie 2012 die beste Mannschaft in Europa. Nach drei Jahren Barcelona, erstmals wieder spanischer Meister. In der Champions League verloren sie im Halbfinale gegen den FC Bayern, weil zwei der besten Elfmeterschützen aller Zeiten vom Punkt an Manuel Neuer scheiterten. 2013 wurde man doch wieder nur 2. in der Liga. Im CL Halbfinale scheiterte Real am BVB, weil Robert Lewandowski 4 Tore im Rückspiel erzielte. Unvollendet ging Mourinho zurück zu Chelsea. Aber auch wenn Mourinho mit Real nicht die Champions League gewann, legte er dennoch den Grundstein für das, was Real Madrid in den 2010er Jahren dann später wurde. Auch Cristiano Ronaldo, den Mourinho erstmals von Linksaußen in den Sturm schob, wurde durch ihn nochmal besser.
Trotz einer weiteren Premier League Meisterschaft mit Chelsea war die Zeit bei Real Madrid zu schnell vorbei. Kein anderer Trainer verkörpert Real Madrid so sehr in seiner Person wie Mourinho. Diese Arroganz, dieses über den Dingen stehen, zu wissen, dass man besser ist und am Ende auch irgendwie immer zu gewinnen. Das ist Real Madrid und das war José Mourinho.
„3 for me & 2 for them!„
Mit dem Ende seiner zweiten Amtszeit bei Chelsea begann die sogenannte “Banter Era” Mourinhos. Auch wenn er weiterhin Titel gewann, waren dies eher die kleineren Trophäen. Mit Manchester United gewann er den englischen Supercup, den Ligapokal und die Europa League. Für andere Trainer wären dies große Erfolge, für Mourinho einfach die Konsequenz seiner Anwesenheit. Den zweiten Platz in der Liga im Folgejahr sieht er selbst als seine größte Leistung. “Look at how they play, where they play, if they play”. In Anbetracht dessen, wie es mit United weiterging und wie sich seine damaligen Spieler entwickelt haben, kann man ihm das nicht groß vorwerfen. Pressekritik ließ er nie an sich heran. Im Zweifel kann man ja einfach mal betonen, dass man selbst mehr Premier League Titel gewann als der Rest der Ligatrainer zusammen. So zog Mourinho immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich und nahm sie von den kriselnden Spielern.

„When you enjoy what you do, you don’t lose your hair. Pep Guardiola is bald. He doesn’t enjoy football.“
Mourinho ist Unterhaltung pur. Die Amazon Prime Serie “All or nothing” begleitete Tottenham Hotspurs in der Saison 2019/2020 und ist die wohl beste existierende Fußball-Doku, weil sie in erster Linie Mourinho zeigt. Wie er ist, wie er arbeitet, wie er spricht und wie er denkt. Man kann diese Doku nicht schauen, ohne sich am Ende in Mourinho quasi zu verlieben. Dieser charismatische Mann, der scheinbar alles über den Fußball weiß und ihn versteht wie kaum ein anderer, der an anderer Stelle doch Emotionen zeigt, als wäre er ein echter Mensch. Auch deshalb hat Mourinho eine Größe, die sich den Kopf zerkratzende Spanier in Manchester nie erreichen können.
Da Mourinho bei Tottenham kurz vor dem Ligapokal Finale 2021 entlassen wird, verpasst er die Chance, mit den Spurs einen Titel zu gewinnen. So blieben die Nord Londoner der einzige Club, bei dem Mourinho keinen einzigen Titel gewann. Tottenham verlor das Finale mit Interims Trainer Ryan Mason. Es folgte eine italienische Mourinho Kopie (fußballerisch) namens Antonio Conte, die ebenfalls keinen Erfolg brachte.
Die Roma
Als ich im Sommer 2021 zum Erasmus nach Rom zog, war klar, dass ich auf jeden Fall ins große Stadio Olimpico gehen müsste. Mein italienisch nicht ganz so ausgeprägt und nicht daran gewöhnt, dass Kurvenplätze so leicht zu erhalten sind, stand ich gemeinsam mit meiner neuen Mitbewohnerin, die erstmals in ein Stadion ging, plötzlich in der Curva Sud. Nachdem wir dann erstmal 10 Reihen nach hinten geschickt wurden, weil wir den Fahnenträgern im Weg standen (ups), konnte der Blick endlich übers Spielfeld schweifen. Sucht man sonst eher nach den Topstars auf dem Feld beim Warmmachen, ging der Blick schnell in Richtung Bank der Roma. Da stand er dann, in weiter Ferne im schwarzen Shirt: José Mourinho. Im gleichen Sommer nach Rom gekommen, wie ich selbst. Man könnte also sagen, wir hätten uns abgesprochen.
Nach den schwierigen Amtszeiten in England, bei denen auch zwischen Mourinho und den Fans nicht immer nur Einigkeit bestand, ging er also nach Rom. In der italienischen Hauptstadt wurde the special one von den Fans geliebt. Der Club war im Vergleich zum Trainer der kleinere Name und Mourinho versprach Erfolg. Er schaffte es nicht nur namhafte Spieler wie Paulo Dybala nach Rom zu bringen, sondern gewann auch auf Anhieb die neu geschaffene Conference League.
Der einzige Trainer, der alle drei europäischen Titel gewinnen konnte. Zwei Mal die Champions League, Meister in England, Italien und Spanien und vielleicht bald in der Türkei mit Fenerbahce. Viele Pokalsiege, 26 Titel insgesamt und vier Mal Weltclubtrainer des Jahres. I am Jose Mourinho, I am a special one, I am a serial winner.
Bilder: Creative Commons


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