Die Beine von zwei Fußballern. Einer in roten einer in weißten Stollen und Hose. Am Fuß des Spielers in den weißen Stollen ist der Fuß, der Spieler im roten Dress grätscht an ihm vorbei.

The thinking man’s Pirlo

Dieses Jahr gewann mit Rodri zum ersten Mal ein “reiner 6er” den Ballon D’Or. Seit Fabio Cannavaro (2006) ist er der erste Defensivspieler, der mit der Trophäe des besten Spielers der Welt ausgezeichnet wurde. Er reiht sich damit in eine besondere Reihe von Fußballern ein, die über das Offensivtalent hinaus so sehr glänzen konnten, dass ihnen die Ehre als bester Fußballer zuteil wurde. Im Fußball ist das etwas Besonderes. Die relative Seltenheit von Toren pro Minute im Vergleich zu anderen Sportarten gibt einem Tor mehr Gewicht, was den Offensivspielern so sehr zugutekommt, wie deren Möglichkeiten in einem Offensivzweikampf die Massen mit feiner und auffälliger Technik zu begeistern.

Und wer hat’s erfunden?

Die Ballon D’Or Gewinner, welche Rodri hier ähnlich waren, kommen interessanterweise überwiegend aus Deutschland. Das Gewicht der Pivot-Rolle im modernen Spiel könnte man in seiner Alleinstellung mit der des Libero ein Stück weit vergleichen. Obwohl diese Position nominell der Defensive zuzuordnen ist und der Libero traditionell hinter den defensivspielern startete, war es die urdeutsche Lichtgestalt, Franz Beckenbauer, welcher begann, die Rolle im Spiel mit dem Ball offensiver zu interpretieren, im Spielaufbau vor die Defensivreihe zu rücken und mit wichtigen Pässen Angriffe vorzubereiten. In dieser Rolle sollten es ihm später zwei weitere All Time Greats des deutschen Fußballs gleichtun. Lothar Matthäus, der in seiner Karriere Michael Ballack-esque so ziemlich jede Mittelfeld Rolle, außer der auf seiner Rückennummer bekleidete, sowie der oft vergessene und dann beim DAZN-Interview, schmerzlich in Erinnerung gerufene Matthias Sammer. Sowohl Matthäus als auch Sammer gewannen als Libero den Ballon D’Or. 

Die Rollen sind selbstverständlich nicht identisch. Der klassische Libero wird heute eher mit einem Manuel Neuer verglichen, der als letzte Linie der Verteidigung vorprescht um mit hohem Risikoeinsatz Torchancen zu eliminieren, bevor sie in die Kicker Statistik als “Torschuss” eingehen. Erwähnt werden sollte auch noch, dass die Position der Statik des Spiels mit Manndeckung entstammt und das Systeminhärente defizit vom auseinanderreißen der eigenen Kette durch weite Flügelstürmer mit einem letzten “Freien Mann (Freiheit, Libertas Libero, dies das)” verhindert werden sollte. Das wurde letztlich durch die Adaption des Positionsspiel redundant. Dennoch kann man leichte Parallelen zwischen den Rollen feststellen. Ähnlich wie ein Libero fungiert eine “holding six” (wie es uns Thomas Tuchel, Der Tijgaaah und die Sport1-Doppelpass–Runde, letztes Jahr seltsam süffisant beigebracht haben) als ein Fixpunkt, der primär dazu dient, der Defensive das Leben zu erleichtern. Anders als beim Libero steht der Spieler allerdings hier vor der Kette und soll nicht im andrenalingeladenen letzten Moment vor dem Abschluss den Gegner umsensen, sondern idealerweise davor. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit, dass es überhaupt zu einem Durchdringen der Innenverteidigung kommt, reduziert und das Spiel bekommt mehr Kontrolle. 

El Lando Elegando

Perfektioniert haben diese Rolle die Spanier. Daher ist es umso passender, dass Rodri diese Auszeichnung bekam. Der Mann ist schlichtweg eine Fußballerische Anomalie. Die Kombination aus brachialer Physis, Ballkontrolle und Passsicherheit, Übersicht, Stellungsspiel und notfalls die Pillete aus 30 Metern ins Kreuzeck zu scheppern, macht ihn auf seiner Position einzigartig. Casemiro (Casimiro?) eat your heart out.

Damit reiht er sich komfortabel in eine lange Linie talentierter spanischer Mittelfeldspieler ein. Xavi Hernández, ein Spieler über den nahezu alles gesagt wurde, Xabi Alonso, der erst den FC Bayern und dann den Rest der Bundesliga mit seinem gentlemanhaften Stil und seinen bemerkenswert gut getragenen H&M Mänteln verzauberte (kein Hate) oder auch Thiago Alcántara, ein Mann so cool, wie seine locker geschlagenen Flanken, mit denen er sogar die Tauben von den Schlauchbootwänden der Allianzarena runterschießen konnte. Wenn man unseren Ballon D’Or Sieger aber mit einem spanischen Spieler vergleichen will, der ihm wirklich ähnelt, dann landet man nicht bei ihnen, sondern einem Mann, der Zeit seiner Karriere selten die Gelegenheit bekam, so zu scheinen, wie Rodri es nun darf. Sergio Busquets.

Ob Sergio Busquets nun unter- oder überbewertet ist, ist eine schwachsinnige Diskussion. Alleine, dass sie geführt wird, zeigt wie verdammt gut dieser Mann war, der aber trotzdem immer irgendwie im Schatten anderer stand. Bei Barcelona war er für knapp 15 Jahre das Fundament einer Mannschaft, welche mein Großvater, der Pélé, Maradona, Beckenbauer, Cruyff – alle über die wir reden – hat spielen sehen, die mit Abstand beste war, die er in seinem Leben sehen durfte. Leider kam er hier ein wenig spät. In der Sensationssaison 2008/09, wir wissen alle was geschah, musste er sich noch hinter Yaya Touré einreihen. In den folgenden Saisons wurde er zum Stammspieler. Aber wenn die Leute über das brillante Mittelfeld vom FC Barcelona sprechen, reden sie immer nur von Xavi und Iniesta. Natürlich: Iniestas Offenvisdribbling ist Sex für die Augen und die Geschwindigkeit in der Xavi einen Zuckerpass sehen und vollstrecken konnte, stellen den Gedankenpalast der überaus realistischen BBC-Sherlock Edition in den Schatten. Aber was Sergio Busquets für dieses Team geleistet hat geht mir dabei entschieden zu sehr unter.

Befunde des Eyetest

2022 durfte ich das mit eigenen Augen beobachten. Beim 4 zu 0 Heimsieg der Blaugrana gegen Athletic Bilbao glänzten natürlich ein zweikampfstarker Ousmane Dembele und ein unfassbar positiv giftiger Gavi, der nach 30 Minuten spektakulärer Offensivläufe, von einem frustrierten Basken vom Feld gefoult wurde. Was aber alles übertraf war der auffällig unauffällige Sergio Busquets. Wenn Barcelona den Ball hatte, blieb er brav vor der Kette, wenige Bewegungen, markierte seinen Gegner nur wenn er musste. War der Ball aber mal weg, verschwand er wie von einer Sekunde auf der nächsten und ehe man ihm wieder im Blickfeld hatte, hatte er auch schon den abgefangenen Ball am Fuß. Immer. Wieder. Die Grätschen präzise und temperiert. Nie aufgeregt. Es war alles immer unter Kontrolle. Egal wie viele Basken den Aufbau stören wollten: Man konnte ihn nicht pressen. Araujo findet keinen Passweg? Busquets steht zu? Trotzdem Ball auf Busquets. Die effiziente Eleganz, mit der Busquets seinen Gegenspieler ausdribbelte waren nicht viel weniger als fußballerische Perfektion. Drei Berührungen, eine finte, schon stand der Stürmer hinter ihm und ehe er versuchen konnte den Ball widerzuerobern, war Ousmane Dembele bereits im Strafraum gefunden. Die Leistung, die ich an diesem Abend sehen durfte, wenn ich mal keine Angst haben musste aus den obersten Rängen des erstaunlich steilen Camp Nou zu fallen, war fußballerisch, das beste und eleganteste, was ich jemals zu Gesicht bekam. 

Mehr als würdig, für einen Ballon D’Or.

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