Die WM 2006: Für viele Fußballfans meiner Generation die allererste richtige Fußball-Erfahrung. An ein paar Situationen erinnern wir uns irgendwie alle. Das 1:0 von Lahm gegen Costa Rica, Odonkor auf Neuville zum Siegtor gegen Polen, Lehmanns Heldentaten gegen Argentinien oder Zidanes Kopfstoß gegen Materazzi. Mir bleibt eine Szene in Erinnerung, die vielleicht etwas weniger prägend war. Ein Gruppenspiel am Nachmittag von Italien. Genauer gesagt, an einen sehr großen, braun gebrannten Herren, mit langem Haar, der mit breitem Grinsen an der Kamera vorbeiläuft. Nickend dreht er die Hand neben seinem Ohr. Der berühmte “Ohrschrauber” von Luca Toni. An das Tor selbst kann ich mich gar nicht erinnern. An den Jubel allerdings werde ich mich wohl immer erinnern können.
Mein erster Lieblingsspieler
Als mein großer Bruder mir ein Jahr später erzählte, dass dieser tolle Stürmer von der WM zu unserem FC Bayern kommen würde, war die Freude natürlich groß. Luca Toni sollte hinten auf meinem ersten Trikot stehen, das rote mit den weißen Querstreifen vorne. Die Bundesligasaison 2007/2008 war die erste, die ich so richtig verfolgt habe und bei meinen eigenen Fußballspielen wurde natürlich jeder meiner Treffer mit dem Ohrschrauber gefeiert.
Trotzreaktion
Wie kam es überhaupt dazu, dass Toni zu Bayern kam? Nun, man kann es sich aus heutiger Sicht gar nicht mehr vorstellen, aber der glorreiche FCB aus Minga verpasste im Vorjahr tatsächlich die Champions League. In der Saison 2006/2007 fand ein Vierer-Kampf zwischen Stuttgart, Bremen, Schalke und Bayern statt. Der FC Bayern wurde, nun ja, vierter. Heute hätte das immerhin noch für die Champions League Teilnahme gereicht, damals qualifizierte man sich durch den 4. Platz allerdings nur für den UEFA Cup (heute Europa League). In einer Trotzreaktion der Bayern Granden wurden im Folgesommer also insgesamt fast 100 Millionen € ausgegeben. Geholt wurden u.a. Superstürmer Miroslav Klose von den Konkurrenten aus Bremen, die deutschen Toptalente Marcell Jansen und Jan Schlaudraff und die südamerikanischen Talente José Sosa und Breno. Am wichtigsten in diesem Sommer waren allerdings die Transfers der WM-Stars Franck Ribéry und Luca Toni.
Ribéry und Toni
Ribéry und Luca Toni bildeten in der Saison 2007/08 ein Traumduo beim FC Bayern. Ribéry, der geniale und trickreiche Kreativspieler auf Links und Toni als eiskalter Vollstrecker im Sturm. Sie harmonierten auf dem Platz, genau wie daneben. Gemeinsam dominierten sie für ein Jahr die Bundesliga und gewannen das Double aus Meisterschaft und Pokal. Einzig im Uefa Cup wurden sie im Halbfinale von Zenit St. Petersburg gestoppt. In 31 Bundesligaspielen erzielte Toni 24 Tore und bereitete 7 weitere vor. In den Pokal Wettbewerben kamen weitere 15 Tore und 4 Vorlagen in 15 Spielen dazu. Toni war in diesem Jahr Weltklasse.
Klinsmann kommt
Nach diesem perfekten Jahr, dieser perfekten Saison, in der die Bayern vom 1. bis zum letzten Spieltag den ersten Platz einnahmen, ging Trainer Ottmar Hitzfeld in die Schweiz, wo er Nationaltrainer wurde. Ersetzt wurde er vom nächsten WM-Held: Jürgen Klinsmann.
Der ehemalige Nationaltrainer, das Gesicht des Sommermärchens, verändert beim FC Bayern einiges. Erfolgreich sollte er dabei nicht sein. Sowohl Toni als auch Ribéry fallen mehrmals aus, sind in nur 19 Spielen gemeinsam auf dem Platz. Das neue Traumduo der Bundesliga besteht aus Dzeko und Grafite, die gemeinsam 54 Tore erzielen und Wolfsburg zum neuen deutschen Meister machen. Im Pokal scheitern die Bayern im Viertelfinale an Leverkusen und in der Champions League werden sie von Barcelona aus dem Stadion geschossen. Klinsmann wird im April gefeuert. Für Toni, dessen Saison mit 21 Scorern eigentlich ordentlich war, wird es ebenfalls nicht weitergehen.
„Der Trainer wollte uns klarmachen, dass er jeden Spieler auswechseln kann – egal, wie er heißt, weil er Eier hat. Um das zu demonstrieren, ließ er die Hosen runter“- Luca Toni über Louis Van Gaal
Unter dem neuen Trainer Louis van Gaal spielte der Italiener kaum noch eine Rolle. Unter dem Holländer gab es keine “Stars” mehr, jeder Spieler wurde gleich behandelt. Besonders Toni soll darunter gelitten haben. Außerdem kam mit Mario Gomez schon der nächste teure Stürmer aus Stuttgart. Zwar blieb Toni noch bis Januar 2010 bei den Bayern, spielte dabei aber nur vier Mal und schoss dabei kein Tor. Bei einem Gehalt von kolportierten 12 Millionen € im Jahr (damit wäre er sogar heute noch bei 17 von 18 Bundesligisten Top-Verdiener) musste Toni also gehen. Kurioserweise kamen in Van Gaals Bayern Mannschaft statt Toni, weder Star-Neuzugang Gomez noch Nationalmannschafts-Held Miro Klose zum Zug. An ihrer statt spielten ein ablösefrei verpflichteter Ivica Olic und ein 20-Jähriges Talent aus der Nachwuchsabteilung, das auf den Namen Thomas Müller hörte.
“I couldn’t find a job because of you!” – Luca Toni zu Pep Guardiola bei einem gemeinsamen Abendessen (auf Instagram geteilt)
Ein halbes Jahr Rom, dann ablösefrei nach Genua. Ein Jahr später zu Juventus Turin, wieder 6 Monate später für ein halbes Jahr in die VAE und dann wieder ein Jahr Fiorentina. In einer Welt, in der Pep Guardiolas Barcelona und Del Bosques Spanien Team über allem standen, die falsche 9 als Nonplusultra galt und die klassische Nummer 9 plötzlich außer Mode war, kam Luca Toni plötzlich nicht mehr an.
Mit 36 Jahren landete Toni dann beim Serie A Aufsteiger Hellas Verona. Und zeigte der Welt nochmal, was in ihm steckt. Er erzielte 20 Tore und 11 Vorlagen und verhalf Verona so zum Klassenerhalt und Platz 10. Ein Jahr später wurde er mit 22 Toren sogar Torschützenkönig der Serie A. Ein Abschied auf dem Höhepunkt blieb dem Norditaliener jedoch verwehrt. In der Folgesaison 2015/16 konnte Toni nicht mehr an die Spitzenleistungen anknüpfen. Eine Verletzung am Seitenband verbannte den Sturmveteran für 8 Spieltage in Folge an den Seitenrand. Sein Körper hielt den Strapazen des Profifußballs nicht länger stand. Aus den 22 Toren der Vorsaison wurden 6. Den Eröffungstreffer in seinem letzten Profispiel gegen Serienmeister Juve, ließ seine aktive Spielerkarriere auf einer bittersüßen Note enden. Verona konnte die Klasse nicht halten.
Mit stolzen 36 ging die Profikarriere von Luca Toni 10 Jahre nach dem Sommermärchen also zu Ende. Es folgte noch ein einziges Jahr als Manager von Verona, in dem Toni seinem Ruhestandsclub noch ein anständiges Abschiedsgeschenk geben konnte. Unter seiner Führung stieg Verona direkt wieder in die Serie A auf. Toni verließ Verona im Streit mit Sportdirektor Fillipo Fusco. Ein kurioses Ende einer kuriosen Karriere.
Ein Gesamtkunstwerk
Luca Toni wurde Weltmeister, Deutscher und italienischer Meister, Torschützenkönig in Italien und Deutschland sowie Gewinner des Goldenen Schuhs. Er schoss Tore und machte Freude. Vor allem mir.


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